18.01.2013 von Frank Spatzier

Weg mit dem Auto: Vom Fahrradvirus gestochen

Stieg vom Auto um aufs Rad: Joachim Haindl
Stieg vom Auto um aufs Rad: Joachim Haindl

Irgendwann war es genug: Die Reparaturen fraßen immer tiefere Löcher ins Portemonnaie und der drohende TÜV verhieß auch nichts Gutes. Keine Frage, die Karre musste weg! Doch was dann? Wieder ein Auto? "Nicht noch einmal," dachte sich Joachim Haindl (41) und stieg um aufs Rad. Eine mutige Entscheidung, schließlich war er vorher kaum Rad gefahren. Doch schon mit der Testfahrt sprang das Fahrradvirus auf ihn über. Und lässt ihn bis nicht heute nicht mehr los.

Ganze 91 Kilometer waren es von Lübeck nach Boltenhagen und zurück. "Und mir tut nicht ein- mal der Hintern weh", freut sich Joachim Haindl über seine erste längere Radtour. Fast noch mehr freut er sich über sein Durchschnittstempo von 19,3 km/h - absolut rekordverdächtig für einen Radneuling. Aber ist diese Bezeichnung bei ihm wirklich angebracht? Denn wer es in anderthalb Monaten auf knapp 700 Kilometer Gesamtstrecke bringt, muss eine rasante Entwicklung durchleben: eine Entwicklung zum Fahrradprofi.

Begonnen hatte alles ganz harmlos. Nachdem er das frisch gelieferte Rad ausgepackt und endmontiert hatte, ging es auf Probefahrt zum Probenraum. Joachim Haindl ist Schlagzeuger einer aufstrebenden Band. Und wie das bei Musikern so ist, trinkt man auch gern einmal ein Bier beim Üben. Als er noch Auto fuhr, musste er dann entweder zu Fuß anreisen oder umständlich mit dem Bus fahren. Nicht so mit dem Rad. "Erstaunlich, wie schnell ich da war", erinnert er sich. Fast schon ein Schlüsselerlebnis, denn in den anschließenden Tagen und Wochen erkundete er Lübeck und Umgebung mit dem Fahrrad. Und lernte sein neues Verkehrsmittel immer mehr zu schätzen.

"Alles geht viel leichter, ist entspannter und macht mehr Spaß", beschreibt er den Unterschied zum Autofahren. Vor allem das Einkaufen: "Ich kann das Rad vor dem Eingang abstellen, lade meine Packtasche voll und fahre alles bis kurz vor meine Wohnungstür", freut er sich. Vorbei die ermüdende Suche nach einem Parkplatz in der Innenstadt. Und auch kein Geschleppe mehr vom Auto zur Wohnung.

Selbst die tägliche Fahrt zur Arbeit verwandelte sich vom unvermeidlichen Ärgernis zum sportlichen Sprint mit Spaßfaktor. "Das macht den Kopf frei und geht fast schneller, als mit dem Auto", meint Joachim Haindl. Sogar in der Pause steige er aufs Rad und drehe eine kurze Runde: "Seitdem ich das Fahrrad habe, zieht es mich immer raus an die frische Luft." Und das bei Wind und Wetter. Herbstregen und kühler Wind? Für ihn noch lange keine Gründe, nicht das Rad zu benutzen. Eher Herausforderungen.

Klar, dass ein frischgebackener Vielradler auch erste Erfahrungen mit der verkehrspolitischen Dimension des Radfahrens gemacht hat. So empfindet er den Zustand vieler Radwege in Lübeck als unzureichend. Und auch die Aggressivität einiger Autofahrer ist ihm aufgefallen. So etwa auf seiner Radtour nach Boltenhagen: "In Klütz war der Radweg zu Ende und ich musste auf die Fahrbahn. Von hinten kam ein Auto herangefahren und fuhr langsam hinter mir her, ohne zu überholen. Dann holte der Fahrer auf und zeigte schimpfend auf den Gehweg. Ich sollte runter von der Straße und auf dem Bürgersteig fahren. Doch das wäre gar nicht erlaubt gewesen", berichtet er. Gerne hätte er den renitenten Autofahrer zur Rede stellen wollen, doch der hätte dann lieber feige aufs Gaspedal gedrückt.

Trotzdem, das Radfahren lasse er sich von nichts und niemandem vermiesen, ist er sicher. Außerdem gibt es Wichtigeres für ihn: "Jetzt muss ich das Rad erstmal fit für den Winter machen, also gute Reifen und Kleidung besorgen." Und auch hier macht sich wieder das berüchtigte Fahrradvirus bemerkbar. Denn statt das Rad in den kalten Monaten einzumotten, freue er sich schon darauf, mal eine Schneedecke unter die Laufräder nehmen zu können.

Und so bedeutet für Joachim Haindl der Abschied vom Auto einen Zugewinn an neuer Lebensqualität: sportlich, entspannt und voller Genuss. "Zum Schluss war die Karre nur noch ein Klotz am Bein. Ohne Auto und mit dem Fahrrad fühle ich mich richtig frei.", fasst er begeistert zusammen.

Ohne Auto zu sein, kann also auch bedeuten, vom Auto befreit zu sein. Wenn dann noch das Fahrrad dabei hilft, sich neue Welten zu er- schließen sowie sportlich, gesund und umweltfreundlich mobil zu sein, ist gute Laune vorprogrammiert. Bleibt noch zu hoffen, dass Joachim Haindl möglichst viele Mitmenschen mit dem Fahrradvirus ansteckt. Eine Epidemie würde unserem ächzenden Planeten mehr als gut tun. Also nichts wie rauf auf die Räder und in den Verkehr gehustet!

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Kommentar von Fischer | 20.01.2013

Prima Artikel,derhofentlich viele anspornt, mir ging es vor zwei Jahren ähnlich. Nach kauf eines neuen etwas teueren Fahhrad bin ich nun sehr oft unterwegs, und die Gesundheit partizipiert: Blutdruck und cholestrinwerte sind top! Schlecht Wettergibt es nur manchmal. ( Aus Beqemlichkeit )