03.07.2010 von Frank Spatzier

Von Hügeln, Seen und Förden

Auf Stippvisite zwischen Holstein und Schleswig

Dänischer Wohld, Holsteinische Schweiz, Schwansen: Wohlklingende Namen für interessante Reiseregionen in Mitte und Nordosten Schleswig-Holsteins. Ihre landschaftlichen Reize und hervorragende Infrastruktur machen sie besonders für Radtouristen zu idealen Zielen. Was liegt da näher, als die ersten warmen Tage des Frühjahres für eine kleine Erkundungsreise zu nutzen?

Kurs Gegenwind

Der Wind bläst kräftig aus Nordwest. Um nicht zu sagen, sehr kräftig, denn ich muss mich mächtig ins Zeug legen. Bei ansonsten bestem Wetter kurbele ich aus Lübeck heraus und arbeite ich mich in Richtung Eutin voran. Und das liegt exakt auf Windkurs. Entlang der L 309 nördlich von Bad Schwartau werde ich noch ein wenig geschont, doch dann geht es ins Eingemachte. Bei Pönitz am See verlasse ich das Betonband, radele weiter auf kleinen Nebenstraßen durch sanfte Agrarlandschaften. In Keesdorf schließlich beginnt die Holsteinische Schweiz ihrem Namen alle Ehre zu machen - es geht steil und langgezogen bergan. Der Wind schiebt von vorn, und schnell bin ich in den kleinsten Gängen. Sicher, der Name der Region hat vor allem damit zu tun, dass die Schweiz im 19. Jahrhundert bei reichen Touristen sehr beliebt war. So benutzte man den Namenszusatz „Schweiz“ auch in anderen Regionen, auf die das zutraf.

Am späten Nachmittag erreiche ich mit Eutin die Seenplatte der Holsteinischen Schweiz. In der Fußgängerzone genießt man die Sonne; und wer nicht flaniert, lässt es sich in den Cafés und Eisdielen gut gehen. Ich mache da keine Ausnahme und schiebe mein Rad langsam durch die Menge. Entspannt gehe ich die letzten Kilometer bis Bad Malente an. Da kön- nen mich selbst die teils heftigen Anstiege am Kellersee nicht aus der Ruhe bringen.

Stadt, Land, Frust

Der erste Blick aus dem Zelt verheißt bestes Wetter, auch der Wind hat sich gelegt. Ehe ich mich versehe, sitze ich im Sattel und kurbele durch das malerische Bad Malente. Auch am Nordufer des Dieksees geht es recht hügelig zu, aber ohne Gegenwind ist das ein Kinderspiel. Auf ruhigen Landstraßen rolle ich durch Grebin, Lebrade und Lepahn in die Schusterstadt Preetz, dem Mittelpunkt des Radwanderweges „Schusteracht“. Für einige Kilometer folge ich dessen Nordschleife und werde auf idyllischen Feldwegen entlang des Postsees in Richtung Kiel geleitet. Die letzten Kilometer vor der Landeshauptstadt verlaufen durch liebliche Wälder und Weiler. Eine Art Ruhe vor dem Sturm.

Kiel-Rönne heißt der erste Ortsteil der Großstadt. Ein kleines Dorf, das ländlich beginnt, später als Industriegebiet endet. Kein Zweifel, die idyllischen Zeiten sind erstmal vorbei. Auf gut Glück versuche ich, die Stadt zu entern. Und das ist gar nicht so leicht, denn die großen Einfallstraßen sind für Radfahrer gesperrt, die Radwege nur unzureichend be- schildert. Trotzdem finde ich hinein in die größte Stadt Schleswig-Holsteins, der nicht gerade der Ruf vorauseilt, eine Schönheit zu sein. Und auf die Randgebiete mag das durchaus zutreffen, wo Kiel ein wenig die Megacity spielt. Der motorisierte Verkehr bewegt sich auf veritablen Hochtrassen, verschwindet in breiten Tunnelsystemen und tost über autobahnähnliche Vielspurer. Als ortsfremder Radfahrer guckt man da ein wenig in die Röhre, denn die Radwege verlieren sich nur allzu oft im labyrinthischen Klein-Klein der Nebenstraßen. Eigentlich kein Problem, gäbe es eine befriedigende Radweg-Beschilderung. Diese lässt jedoch zu wünschen übrig, so dass ich mich anhand meiner mittlerweile völlig zerknitterten Radkarte durch die Stadt hangele. Mehr als eine Stunde dauert die Odyssee entlang lärmiger Magistralen, bevor endlich ein längerer Anstieg die Hochbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal ankündet. Endlich geschafft!

Förden und Halbinseln

Von der Hochbrücke rolle ich sanft hinab in den Dänischen Wohld, der Halbinsel zwischen Kieler Förde und Eckernförder Bucht, die bereits im Landesteil (Süd-)Schleswig liegt. Nichts erinnert mehr an das Gewühl der Großstadt, es umgeben mich weite Felder und Waldgebiete. Der Name (Wohld = Wald) leitet sich von den dichten Wäldern ab, die sich im Mittelalter von Rendsburg bis Lübeck erstreckten. Auch wenn diese heute nicht mehr ganz so riesig sind, handelt es sich um eine der waldreichsten Regionen Norddeutschlands.
Gettorf mit seinem weithin sichtbaren St.- Jürgen-Kirchturm ist das Zentrum des Dänischen Wohlds. Ab hier beginnt es merklich hügelig zu werden, eiszeitlichen Grundmoränen sei Dank. Über Bornstein und Altenhof geht es weiter, und am Ende einer kleinen Abfahrt schimmert schließlich das Wasser der Eckernförder Bucht durch die Bäume.

Vor mir liegt das namengebende Ostseebad und zieht sich wie eine Sichel um das Ende der keilförmigen Bucht. Gut zu erkennen ist der weiße Sandstrand, der auf mehreren Kilometern Länge für Badespaß sorgt. Ich muss ans gegenüberliegende Ende, dort liegt mein Campingplatz. Ein guter Anlass für eine erste Erkundung der Stadt mit ihrer lauschigen Fußgängerzone und dem gemütlichen Stadthafen. Ich baue mein Zelt auf und genieße den restlichen Tag das maritime Flair. Der nördliche Teil Eckernfördes, und damit auch mein Schlafplatz, liegt bereits auf der Halbinsel Schwan- sen, die sich bis an die Schlei erstreckt.

Rückweg mit Radau und Regen

Mit der kurzen Radhose war ich ein wenig voreilig. Schon während der ersten Kilometer kommen die Beinlinge zum Einsatz, denn es wird merklich kühler. Der Einfachheit halber folge ich der B76, zuerst auf einem begleitenden Radweg, dann auf ruhigeren Nebenwegen. Was nun folgt, ist fast Routine:
Wieder geht es durch Kiel, diesmal aber mit Ortskenntnis und in umgekehrter Richtung. Schöner wird die Stadt dadurch aber auch nicht. Am Ortsausgang führt mich eine vorbildliche Beschilderung auf die B404, der ich bis Klein Barkau stoisch folge. Auch der Einfachheit halber. Nun radele ich weiter gen Osten, erhole mich auf ruhigen Landwegen vom lärmigen Verkehr. Auch am Postsee komme ich wieder vorbei, umfahre aber seine Südspitze in einem idyllischen Moorgebiet. In Depenau geht es wieder rauf auf den Asphalt, dann weiter bis Ascheberg, wo ich am Großen Plöner See
mein Lager aufschlage.

Nach einer kalten Nacht blicke ich traurig in dunkle Wolken. Mein Zelt baue ich im Regen ab, der im Laufe des Tages zu Bindfäden heranwächst. Das Thermometer schafft es kaum über die Fünf-Grad Marke, ich muss sogar Winterhandschuhe anziehen. Zum Glück habe ich sie überhaupt mitgenommen. In voller Regenmontur absolviere ich die letzte Etappe, die mich über Deersau, Sedorf und Ahrensbök zurück nach Lübeck bringt, wo ich nass und frierend ankomme. Aber auch das gehört zu einer zünftigen Radreise!

(fs)

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