28.10.2012 von Klaus Holst

Von Flensburg nach Swinemünde: Wie viele Sterne für den Ostseeküsten-Radweg?

Im „Gespensterwald“ Stoltera bei Warnemünde
Im „Gespensterwald“ Stoltera bei Warnemünde

Hunderte Kilometer Badestrand, Steilküsten, kleine Häfen, Backsteingotik, Buchenwald und Fischbrötchen, kaum ein Radfernweg hat so viel Abwechslung zu bieten wie der Ostseeradweg. Naturfreunde, Badefreunde, Kunstfreunde und Freunde kulinarischer Genüsse kommen voll auf ihre Kosten. Doch leider ist der Ostseeküstenradweg kein Kandidat für 4 oder 5 Sterne, die der ADFC für perfekte Radfernwege zu vergeben hat, denn vieles ist noch erheblich verbesserungsbedürftig.

Wir starten in Flensburg. Nicht nur, weil der bikeline-Radwanderführer diesen Startpunkt vorgibt, sondern auch weil wir uns vom Wind mit der Hauptwindrichtung bis zur polnischen Grenze schieben lassen wollen. Dass der Wind auch aus ganz anderen Richtungen wehen kann, werden wir unterwegs dann hautnah erfahren.

Los geht‘s! Zunächst sind wir erstaunt, wie viele Höhenmeter bis Glücksburg und Gelting zu überwinden sind. Hafenatmosphäre in Langballigau, das erste Eis und Wege unmittelbar am Wasser lassen Ostseestimmung aufkommen, der erste platte Reifen tut das Seine dazu. Die Klappbrücke in Kappeln passieren wir neben dem vom Hochklappen verursachten Autostau. Vor Damp fahren wir uns im Sand fest und landen auf der Suche nach besser befahrbaren Wegen auf dem Damper Campingplatz, freundliche Camper weisen uns zurück auf den Sandweg. Hinein nach Eckernförde geht es über die kleine Fußgängerbrücke am Hafen. Von Eckernförde bis Strande an der Kieler Förde müssen wir die Straßen begleitenden Radwege der B 76, der B 503 und der K 16 nutzen. Zumindest das große B vor der Straßennummer lässt schon auf die geringe Attraktivität dieser Straßen für Radfahrer schließen. Von der Ostsee merken wir auf diesem Streckenstück wenig bis gar nichts, doch die Küste kann nicht weit sein, denn immer wieder führen  Sackgassen nach links und die Schilder tragen die Aufschrift „Strand“.

Angesichts der Kieler Woche meiden wir die Kieler Innenstadt und fahren von Friedrichsort aus mit der Fähre direkt nach Laboe, von dort weiter auf der asphaltierten Deichberme, unterbrochen von schmalen Pfaden durch Naturschutzgebiete, bis Hohwacht. Dann - die Touristikchefs auf Fehmarn und in Grömitz mögen uns verzeihen - geht es diagonal durch die Holsteinische Schweiz. Die attraktive Gutsanlage Klethkamp, den Kellersee, den Eutiner See und den Eutiner Marktplatz empfinden wir als schöne Zugaben zu unserer Ostseetour. In Haffkrug erreichen wir wieder die Küste. Hier an der Lübecker Bucht tanzt der Bär, zumal Wochenende ist und der Wetterbericht Sonne versprochen hat. Als Radler werden wir allerdings von den Strandpromenaden ferngehalten und fahren mit dem örtlichen Autoverkehr durch die zweite Reihe. Immerhin ist aber der Wanderweg am Brodtener Steilufer für den Radverkehr freigegeben. In Travemünde erleben wir wegen einer Veranstaltung noch einmal Tourismus total, durch Menschenmassen arbeiten wir uns zur Priwallfähre vor. 

Östlich vom Priwall begrüßt uns Mecklenburg-Vorpommern mit viel Ruhe und einem fahrradfreundlichen Schotterweg. Der geht bald in einen tadellosen Asphaltweg über und ist nur hinter Boltenhagen unterbrochen durch ein paar Kilometer Schotterpfad. Dann ist Wismar erreicht, Hansestadt und UNESCO-Weltkulturerbe, für jeden Pflicht, der es noch nicht kennt: Hohe Backsteinkirchen, Giebelhäuser, ein repräsentives Rathaus, die Wasserkunst und ein alter Hafen in unmittelbarer Stadtnähe. Von Wismar aus an der Insel Poel und dem Seebad Rerik vorbei geht es auf glatter Fahrbahn flott voran. Nur im „Gespensterwald“ Stoltera zwischen Heiligendamm und Warnemünde wird es noch einmal abenteuerlich, allerdings nur, was die Fahrbahnqualität anbelangt, Gespenster zumindest gibt es keine.

In Warnemünde heißt es dann, die Warnow zu überqueren. Der stufenfreie Weg zur Warnow-Fähre lässt sich nur dank ortskundiger Hilfe finden, denn der offizielle Weg führt auf Treppen unter den Gleisen hindurch. Auf zerfahrenen Waldwegen geht es am Ostseebad Graal-Müritz vorbei in Richtung Darß. Die Tourismusregion Darß kündigt sich an mit immer dichter werdendem Radverkehr. Da es kühl ist und kein Strandwetter herrscht, hat sich offenbar jeder Kurgast auf sein (Leih-)Fahrrad geschwungen, so dass der Radweg bis Zingst dicht bevölkert ist. Hinter Zingst überqueren wir auf einer Klappbrücke den Bodden und gelangen in die kleine Hafenstadt Barth. Dann folgt Radlers Traum: Bester Untergrund, weite Ausblicke über die Boddenlandschaft, das Rot und Blau der Mohn- und Kornblumen auf den Feldern, alles zusammen macht das Fahren zur reinen Freude, da darf der Wind auch einmal von vorne wehen. Noch einige Kilometer Vorstadt und wir stehen auf dem Marktplatz von Stralsund, ebenso wie Wismar Hansestadt und UNESCO-Weltkulturerbe. Stralsund lässt es sich anmerken, dass es (zu recht!) stolz ist auf diesen Titel. 

Von Stralsund aus schlägt der bikeline-Radwanderführer eine 266 km lange Rundfahrt um die Insel Rügen vor. Wir legen allerdings erst einmal einen fahrradfreien Tag ein und unternehmen einen Schiffsausflug zur Insel Hiddensee. Am nächsten Tag fahren wir über den alten Rügendamm auf die Insel Rügen, dann weiter auf der stillgelegten Bahntrasse der Rügener Kleinbahn in die kleine Residenzstadt Putbus. Von dort aus suchen wir uns abseits aller Beschilderungen den Weg nach Binz. Binz ist das mondänste Bad Rügens: Seebäderarchitektur vom Feinsten, Strandpromenade und Kurmusik. Für uns jedoch von noch größerem Interesse ist die Binzer Seebrücke, denn dort legt das Schiff ab, mit dem wir direkt nach Peenemünde auf Usedom gelangen wollen.

Usedom, das sind 40 Kilometer Strand und eine Kette von Seebädern. Was früher im Deutsch des Sozialismus „Ostseebad der Werktätigen“ hieß, wurde inzwischen im Deutsch der Marketing-Strategen zu „Bernsteinbad „ oder „Kaiserbad“ aufgewertet. Der Radweg, der in unterschiedlichem Abstand parallel zum Strand verläuft, bietet uns im Wechsel drei verschiedenartige Eindrücke. Entweder geht es durch schmucke Seebäder oder an ausgedehnten Campingplätzen entlang oder durch den Wald mit gelegentlichen Ausblicken auf die Ostsee und saftigen Steigungen bis zu 16 %. Bald ist das Kaiserbad Heringsdorf erreicht. Dort vibriert es vor lauter Fußballbegeisterung. Die EM läuft noch, am „Fußballstrand“ sammeln sich die Fans, Olli Kahn kommentiert das letzte Tor und das ZDF überträgt alles. Nur noch wenige Kilometer und wir erreichen Ahlbeck, das Ziel unserer Reise. Zwar ist die deutsche Ostseeküste insgesamt 2.247 km lang, aber wir sind auch mit unseren 680 gefahrenen Kilometern zufrieden. 

Wenn wir Sterne vergeben sollten: die Städte, die Seebäder und die Landschaft haben fünf Sterne verdient! Die Wegebeschaffenheit, die Wegeführung, die Beschilderung und die fahrradtouristische Infrastruktur dagegen sind in beiden Bundesländern noch verbesserungsbedürftig. Dennoch, ein Weg, der sich lohnt. Und das Schöne: Er beginnt (fast) vor der Haustür.

Tipps zum Nachfahren

Unterkünfte: Zahlreich! Das Bett+Bike-Verzeichnis und der bikeline-Radreiseführer weisen genug Quartiere für jeden Geldbeutel aus. Wir waren mit acht Personen zu Beginn der norddeutschen Schulferien unterwegs und haben uns jeweils am Morgen in dem Quartier für den Abend telefonisch angemeldet. Kein Problem! 

An- und Abreise: Flensburg und Usedom sind per Bahn gut zu erreichen. Die Umsteigebahnhöfe haben Fahrstühle, nur wer in Bad Kleinen umsteigt, muss Treppen benutzen, der Bahnhof Büchen wird zur Zeit mit Fahrstühlen versehen. Das SH-Länderticket gilt auch in ganz MV, das MV-Länderticket nur bis Lübeck und Hamburg.

Literatur: Radreiseführer Ostseeküsten-Radweg, bikeline-Radtourenbuch, Verlag Esterbauer, Teil 1: Von Flensburg nach Lübeck, 5. Aufl. 2010, ISBN 978-3-85000-007-9 und Teil 2: Von Lübeck nach Ahlbeck/Usedom, 10. Aufl. 2011, ISBN 978-3-85000-008-6, Preis je 12,90 EUR.

Von anderen Verlagen gibt es weitere Reiseführer (Bruckmann, Kompass, ADAC-Verlag)

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