21.07.2014 von Klaus Holst

Von Baumwurzeln und liederlich hingepflasterten Radwegen

Eigentlich völlig logisch: Auch Radrouten brauchen Pflege. Der ADFC sieht einen großen Wartungs- und Investitionsstau bei touristischen Radrouten. Trotz ungebrochener Nachfrage nach radtouristischen Angeboten und stetig steigender Auslastung fahrradfreundlicher Gastbetriebe, treffen Radfahrer im Urlaub zunehmend auf bauliche Mängel beim Befahren von Radfernwegen. 

Kennzeichnend für den Eindruck, den Radfernwege bei ausländischen Gästen – und nicht nur bei ihnen – hinterlassen, ist ein Radreisebericht über den schleswig-holsteinischen Ostseeküsten-Radweg in der schweizerischen Fahrradzeitschrift „Velojournal“. Darin heißt es nach einer ausführlichen Beschreibung der mangelhaften Beschilderung: „Für Verkehrsplaner scheinen Radler immer noch Gäste zweiter Klasse zu sein. Die deutschen Autofahrer haben Formel-1-Pisten. Für die Radwege, die meist parallel zu ihnen verlaufen, wurde die billige Variante gewählt. So liederlich sind sie hingepflastert worden, dass Baumwurzeln schon nach zwei, drei Jahren den Belag wellig aufbrechen und einigermaßen flottes Fahren erschweren.

 

Wenn wir an besonders ruppigen Abschnitten auf die Straße ausweichen, werden wir von manchen Autofahrern, die den Anblick eines Velos nicht ertragen, rabiat von ihrer heiligen Straße weg auf den Radweg zurückgehupt. Die Verkehrs-Apartheid macht in Deutschland rasante Fortschritte.“ So klingt es aus einem Land, in dem man weiß, dass Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur des „Langsamverkehrs“ sich ebenso lohnen wie in solche des ÖPNVs.


Nun lebt der Tourismus an der Ostseeküste nur zum kleinsten Teil von den Radtouristen, es mag also manchem Verantwortlichen nicht so dringend nötig erscheinen, für die Radfahrer viel zu tun. Doch trifft die Kritik aus dem schweizerischen Reisebericht leider auch für viele andere Radfernwege in unserem Land zu. Eine gute Infrastruktur ist aber gerade in ländlichen Räumen von Bedeutung. Denn der Radtourismus stellt in ansonsten strukturschwachen Regionen einen wichtigen Wirtschaftsfaktor dar, schließlich wird jeder zehnte Euro im innerdeutschen Tourismus von Radfahrern ausgegeben, der Fahrradtourismus verzeichnet einen Umsatz von 9 Mrd. Euro und sichert 186.000 Arbeitsplätze!

 

„Bund und Länder müssen auch bei der Koordinierung, der Qualitätskontrolle und der Vermarktung der überregionalen Radfernwege ihre Verantwortung wahrnehmen. Das gilt insbesondere für die Marke 'Radnetz Deutschland' mit ihren 12 D-Routen,“ fordert Raimund Jennert, stellvertretender ADFC-Bundesvorsitzender. Zu den D-Routen gehört auch der Ostseeküsten-Radweg als D-Route Nr. 2! Im Ausland hat man das wirtschaftliche Potenzial von gut gepflegten Radwegen für die Tourismuswirtschaft erkannt und dabei vor allem auch die große Zielgruppe der deutschen Radler vor Augen.

 

Österreich bietet hervorragende Radwege und hat mit dem Donau-Radweg schon in den frühen achtziger Jahren eine radtouristische Marke geschaffen, die selbst Amerikaner und Australier zum Radfahren in Österreich veranlasst. In den neunziger Jahren stellte die Schweiz ihre neun nationalen Radfernwege fertig, landesweit einheitlich beschildert und durchgehend im besten Pflegezustand. Italien glänzt vor allem Südtirol mit hervorragenden Radwegen. Und die Radwege in Dänemark und Holland sind sowieso sprichwörtlich gut.

 

In Deutschland liegt die Wartung und Pflege der touristischen Routen in der Verantwortung der Kommunen, die aufgrund ihrer finanziellen Ausstattung zum Teil nicht mehr in der Lage sind, die Infrastruktur in Stand zu halten. „Zur dauerhaften Wartung und Pflege von Radrouten müssen Bund und Länder Finanzierungsmöglichkeiten schaffen,“ fordert Jennert, „dies gilt besonders für Kommunen, die zwar die Last eines überregionalen Radweges zu tragen haben, in denen aber noch keine vom Radtourismus profitierenden Betriebe angesiedelt sind“. 

 

Trotz der Mängel auf manchen touristischen Radwegen stieg die Zahl der ADAC-Qualitätsradrouten auf 51. Ganz aktuell kamen weitere hinzu: Die Route der Industriekultur im Ruhrgebiet, die Paderborner Land Route und die dänische Vestkystruten (Westküstenroute). Dem Radfernweg Alte Salzstraße wurde die Auszeichnung mit drei Sternen erneuert. Das kann und darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine Vielzahl von touristischen Radfernwegen dringend renovierungsbedürftig ist.

ADFC Presse/kh

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