13.03.2014 von Klaus Holst

Via Claudia Augusta: Von Augsburg über die Alpen nach Bozen

Die "Via Claudia Augusta" gilt als einer der leichtesten Alpenübergänge. Ein normales Fahrrad und eine mittlere Kondition reichen, um auf diesem Weg von Deutschland nach Italien zu fahren. Von Augsburg aus führt der Radweg "Via Claudia Augusta" am Lech entlang, dann über den Fernpass (1209 m) und den Reschenpass (1510 m) in Richtung Südtirol, ein Weg, der schon von den alten Römern genutzt wurde. 

Die Bahn bringt uns bis Augsburg, dann geht es auf den Sattel: Wir rollen durch das ebene Lechfeld an Getreide- und Maisfeldern vorbei, - nicht aufregend, aber genau richtig zum Eingewöhnen. Nach der ersten Tagesetappe wird es hügeliger, wir kommen ins Allgäu, und bald tauchen am südlichen Horizont die Alpen auf. Am Forggensee entlang geht es nach Füssen. Wir stärken uns, gehen durch die Altstadt, lassen den Touristenrummel am Schloss Neuschwanstein links liegen und überqueren die Grenze nach Österreich.

Da heißt es: Willkommen in Tirol! Nach der Fahrt durch ein paar hübsche Dörfer erreichen wir die Kleinstadt Reutte. Gleich hinter Reutte folgt der erste wirklich steile Anstieg um etwa 200 Höhenmeter, hier muss auch der härteste Radler aus dem Sattel. Aber dann geht es angenehm mit nur leichtem Auf und Ab weiter bis zur "Zugspitz-Arena", eine Ebene, die vom Zugspitzmassiv, den Lechtaler Alpen und der Mieminger Kette eingerahmt wird.

So wie diese Landschaft in Touristenprospekten beschrieben wird, ist sie wirklich: traumhaft, großartig, ein landschaftliches Juwel ... nichts davon ist übertrieben. Quer durch die moorige Ebene der Zugspitz-Arena zwischen den Orten Lermoos und Biberwier folgt der Radweg dem "Römischen Prügelweg", hier wurden von den alten Römern Holzprügel (daher der Name!) auf den sumpfigen Untergrund gelegt, damit die Via Claudia nicht im Moor versinken konnte.

Hinter Biberwier geht es zur Sache, der Aufstieg zum Fernpass beginnt. Da wir die sehr stark befahrene Fernpass-Straße meiden wollen, folgen wir den Wegweisern des Radweges in den Wald hinein. Zähe Mountain-Biker überholen uns, wir schieben jedoch unsere Räder nicht nur wegen der starken Steigung, sondern auch wegen des schlechten Untergrundes. Ein Blick zurück über den Weißensee auf das Zugspitzmassiv schafft noch einmal neue Motivation, dann geht es weiter auf der steilen Forststraße bergauf. Nach etwa einer knappen Stunde Schiebearbeit ist die Passhöhe erreicht.

Ab hier geht es nun 450 Höhenmeter bergab bis zum Inn. An ein komfortables Bergabfahren ist jedoch erst einmal nicht zu denken, es beginnt der absolute Härtetest für Mensch und Material, unter Mountain-Bikern als "verblockter Trail" oder auch "Wurzelhölle" gefürchtet (oder gesucht?): Grober Schotter, Baumwurzeln, Steilhänge und Geröllstrecken wetteifern darum, uns den Weg zu erschweren. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als auch hier zu schieben, nur hin und wieder werden wir von risikobegeisterten Mountainbikern überholt, die in halsbrecherischem Tempo bergab rasen. I

n den felsigen Untergrund sind teilweise aus Römerzeiten Wagenspuren hineingefräst, damit die schweren römischen Frachtwagen nicht den Hang hinunter stürzten. Nach etwa 2 km kreuzt unsere Piste die stark befahrene Autostraße. Da erliegen wir doch der Verlockung, die Straße zu benutzen und rollen in wenigen Minuten die verbleibenden 3 km bergab bis Nassereith mit einer ungeduldigen Autoschlange im Nacken. Der Fernpass ist gemeistert, die Schotterpisten liegen hinter uns, und wir fahren fernab vom Verkehr durchs postkartenschöne Gurglbachtal über Imst ins Inntal hinunter. 

Die Strecke von Imst über Landeck bis nach Pfunds führt uns auf dem Inntal-Radweg entlang: Verkehrsarm, guter Untergrund, klar beschildert, mäßige Steigungen, jedoch hin und wieder akustisch begleitet vom Lärm der parallel laufenden Autobahn. Pfunds ist der letzte Ort im Inntal vor dem Anstieg zum Reschenpass. Die Autobahn hat sich in Richtung Vorarlberg verabschiedet, die aber immer noch stark befahrene Bundesstraße verlässt das Inntal gleich hinter Pfunds und führt am Hang hinauf durch etliche Galerien und Tunnel bis zur Passhöhe bei Nauders.

Das klingt nicht verlockend, wir fahren stattdessen den etwas längeren Weg auf einer mäßig befahrenen Straße weiter am Inn entlang bis zur Schweizer Grenze. An der Zollstation zur Schweiz biegt unser Weg gleich wieder nach Österreich ab. Von dort arbeiten wir uns über elf Serpentinen und 300 Höhenmetern nach Nauders hinauf. Die Straße steigt gleichmäßig mit 6 bis 8 % an, die Serpentinen sind von oben nach unten nummeriert und sagen uns, wie viele bis oben noch folgen werden. Gegen das, was wir am Fernpass erlebt haben, ist das hier richtiges Genussradeln. Oben, in Nauders, ist Zeit und Gelegenheit, Rast zu machen.

Bis zur eigentlichen Passhöhe haben wir von Nauders aus noch 150 Höhenmeter auf 6 km Länge vor uns, die sich aber, nach allem, was hinter uns liegt, leicht bewältigen lassen. Nach einer weiteren halben Stunde erreichen wir die österreichisch-italienische Grenze. Ab hier geht's bergab!

Nach dem Grenzübergang folgt bald der Reschen-Stausee. Er ist bekannt durch den versunkenen Kirchturm bei Graun. Hier ist ein Parkplatz, jeder, der auf der Passstraße fährt, egal ob mit Auto oder Fahrrad, scheint hier Pause zu machen. Wir tauschen uns mit anderen Radlern aus, in der Mehrzahl Deutsche auf der Fahrt in den Süden. In die Nordrichtung scheint keiner zu fahren.

Weiter geht es auf ebener Strecke bis zur Staumauer, dann stramm bergab bis nach Mals und Glurns. Ab Mals verbreitert sich das Etschtal, wir fahren auf langen Strecken mit leichtem Gefälle durch endlos scheinende Apfelplantagen. Ein Schild verkündet, dass hier fünf Milliarden Äpfel jährlich geerntet werden. In jedem zweiten Ort sehen wir riesige Obstlagerhäuser, auf deren Höfen große, noch leere Obstkisten turmhoch gestapelt stehen. Weiter oben von den Talhängen blicken Burgen oder Burgruinen auf uns hinunter, von dort aus wurde früher das Tal kontrolliert.

Die Radwegeverhältnisse in Südtirol sind vorbildlich. Die Wege sind autofrei, die Wegeführung durch Schilder und Pfeile auf dem Boden gekennzeichnet. Selbst durch die Ortschaften und sogar durch die Städte Meran und Bozen wird man auf sicheren Radwegen und durch klare Richtungsangaben hinein- und wieder hinausgeführt.

Vor Meran finden wir sogar eine besondere Radweg-Spezialität vor: Der Weg verläuft völlig separat von der Hauptstraße in sieben Serpentinen und mit nur leichtem Gefälle bergab, und auch hier sind die Serpentinen von oben nach unten nummeriert, was ja vor allem die Bergauffahrer freuen dürfte.

Die Städte Meran und Bozen zeigen schon absolut italienisches Flair: Plätze, enge Gassen, kleine Märkte, aber auch herrschaftliche Villen, Alleen, Palmen und Parks. Dazu ist auch das Wetter italienisch warm. Bisher war Deutsch die selbstverständlich benutzte Sprache, doch in Bozen ist schon erheblich mehr italienisch zu hören, als in Meran oder in den Orten weiter nördlich.

Wir besuchen zum Abschluss unserer Tour das Archäologische Museum in Bozen. Dieses Museum ist nicht nur dem "Mann aus dem Eis" (Ötzi) gewidmet, auch zum Thema Via Claudia Augusta sind wichtige Ausstellungsstücke zu sehen, darunter ein Stück römischer Pflasterstraße und ein originaler Meilenstein der Via Claudia Augusta, von denen es ursprünglich sehr viele gegeben haben soll.

Der Via Claudia führt zwar noch weiter über Verona nach Ostiglia oder sogar bis nach Venedig. Doch wir beenden unsere Tour in Bozen. Am Bozener Bahnhof kann man uns offenbar keine Fahrkarten verkaufen, man schickt uns zu einem versteckt liegenden Reisebüro in die Bozener Altstadt. Dort bekommen wir nach ein halben Stunde freundlicher Verhandlungen unseren Fahrschein, und am nächsten Morgen geht es mit der Bahn über den Brenner und Innsbruck zurück nach Hause. 

 

 

Entfernungen:

Von Augsburg nach ... Bozen ca. 370 km, ... Trento ca. 420 km, ... Verona ca. 525 km, ... Venedig ca. 730 km.

An- und Rückreise:

Anreise: Mit der Bahn nach Donauwörth, Augsburg oder Füssen. Rückreise aus Italien von Meran, Bozen, Trento, Verona, Ostiglia, Venedig u. a. Fahrkarten von Italien nach Deutschland gibt es nicht am italienischen Bahnhof, sondern nur in besonderen Reisebüros. 

Streckencharakter:

Die Strecke bis auf wenige Ausnahmen über verkehrsarme oder autofreie Wege. Sie gilt als die leichteste Alpenüberquerung für Radfahrer und als beliebtester Nicht-Flussradweg Österreichs. Nur leichte Steigungen bis Reutte, nur wenige, stärkere Steigungen am Aufstieg zur jeweiligen Passhöhe. Längere Grobschotterstrecken nur im Bereich des Fernpasses (insgesamt ca. 8 km), sonst Asphalt oder gut befahrbarer Feinschotter. 

Service:

Die Passstrecken lassen sich auch mit einem Bus-Shuttle überwinden. Mehrfach am Tage fahren Busse mit Fahrradanhänger über den Fernpass (von Biberwier nach Nassereith) und über den Reschenpass (von Landeck oder Pfunds nach Nauders). Für die Buspassage wird eine Voranmeldung empfohlen.

Reiseführer:

Via Claudia Augusta, Von der Donau über die Alpen an die Adria, bikeline-Radtourenbuch, Esterbauer-Verlag, ISBN 978-3-85000-131-1, 12,90 EUR

Weitere Infos:

www.viaclaudia.orgwww.radreise-wiki.de/Via_Claudia_Augustawww.roemerstrasse-via-claudia.de

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