30.01.2016 von Ingo Sievers

Velo for Welcome - Ein Integrationsprojekt des ADFC Lübeck

Radfahren ist eine optimale Mobilitätsform - auch und gerade für Flüchtlinge. Grund genug für den ADFC Lübeck, aktiv zu werden und das Integrationsprojekt „Velo for Welcome“ ins Leben zu rufen. Und so konnte vielen Geflüchteten und Migranten geholfen werden, ihr Gastland künftig auf zwei Rädern entdecken zu können. 


Während der Planung der Aktivitäten für das Jahr 2015 überlegten die Aktiven des ADFC Lübeck, ob man den Fahrradfrühling nicht in irgendeiner Form mit der Hilfe für Flüchtlinge verbinden könne. Ein Flohmarkt sollte stattfinden, dessen Erlös zur Finanzierung von Sprachkursen vorgesehen war. Eine Sternfahrt, bei der auf die Teilnahmegebühr verzichtet und Spenden gesammelt wurden, hatte den gleichen Zweck. So konnten jeweils 300 EUR an das "Haus der Kulturen" und an das "Cafe Welcome" (beide in Lübeck) übergeben werden.

Im Laufe des Sommers wurden kleine Radtouren, speziell für Flüchtlinge angeboten, die auf großes Interesse stießen. In mehreren Gesprächen mit ihnen stellte sich dann immer wieder deutlich heraus, dass viele gerne ein eigenes Fahrrad haben möchten, sich aber aus Geldmangel keines leisten können. Dabei ist gerade die Mobilität für diesen Personenkreis außerordentlich wichtig. Busfahren in Lübeck ist teuer, folglich müssen auch größere Entfernungen zu Fuß zurückgelegt werden. Was liegt da näher, als den Migranten, Flüchtlingen und Asylbewerbern zu helfen, relativ schnell und unkompliziert zu einem eigenen Fahrrad zu kommen. Aus einer Idee entwickelte sich ein Projekt, das Projekt erhielt einen Namen. Velo for Welcome war geboren.

Zunächst wurde zu Spenden von Gebrauchträdern aufgerufen. Für diese fand man einen Lagerraum im Altstadtbad am Krähenteich. Dort fand sich ein kleiner Kreis von ADFC`lern und Flüchtlingen zusammen, der mit einfachsten Mitteln die Gebrauchträder in einen vorschriftsmäßigen verkehrssicheren Zustand brachte. Man legte großen Wert darauf, immer gemeinsam mit den Flüchtlingen - auf Augenhöhe mit ihnen - zu arbeiten.

Man putzte, reparierte und schraubte an Damen- Herren- und Kinderrädern. Alle Beteiligten hatten großen Spaß. Parallel zu dieser Arbeit, die mangels Werkstatt im Freien stattfand, bot eine Sportlehrerin Kurse zum Erlernen des Radfahrens an. Weil die Badesaison inzwischen zu Ende gegangen war, konnten die Kurse auch auf dem Gelände des Altstadtbades stattfinden. Nach anfänglichem Zögern kamen viele Frauen zu den Übungstagen. Die Presse wurde aufmerksam, berichtete in einem großen Artikel und führte zu großer Spendenbereitschaft der Lübecker Bevölkerung. 

Der Herbst bereitete im November den Aktivitäten ein plötzliches Ende. Draußen zu schrauben war wegen der kalten Witterung und des frühen Einbruchs der Dunkelheit nicht mehr möglich. Für Radfahrtraining war es zu nass und zu windig. Nur das Angebot des theoretischen Unterrichts, der in Kooperation mit der Gemeindediakonie zweimal im Monat stattfand, wurde aufrecht erhalten.

Aber auch da zählte man von Mal zu Mal weniger Teilnehmer. Dem Projekt drohte die winterliche Zwangspause, wenn nicht sogar das Aus. Wohin mit den ganzen Spendenrädern? Presseartikel, Socialmedia und ein gut funktionierendes Netzwerk mit Kontakten zu Hilfsorganisationen und Unternehmern hatten dazu beigetragen, dass inzwischen auch zweckgebundene Geldspenden für das Projekt Velo for Welcome eingegangen waren.

Man brauchte dringend Räume, in denen eine Selbsthilfewerkstatt eingerichtet werden konnte. Auch brauchte man einen entsprechenden Lagerraum, der trocken, ebenerdig und abschließbar sein musste. Der Projektleiter war täglich auf der Suche. Er hat die angebotenen Räume besichtigt, sie auf die Eignung geprüft und Kosten kalkuliert. Nach Wochen unermüdlicher Akquise mit Höhen und Tiefen, manchmal euphorisch und voller Zuversicht, gab es auch immer wieder Tage voller Enttäuschungen.

Aber dann kam der Durchbruch. Es gelang, Räume zu finden, die sich geradezu als ideal für das Projekt erwiesen. Anfangs drohte allerdings das Scheitern, weil nicht genügend Geldmittel vorhanden waren, um Miete und Nebenkosten dauerhaft finanzieren zu können. Da es sich um ein Integrationsprojekt handelt, war und ist eine Mindestdauer von zwei Kalenderjahren angestrebt. Das musste durchkalkuliert werden. Nach einer Woche war aber auch diese letzte Hürde genommen. 

Inzwischen hat die Selbsthilfewerkstatt ihren Betrieb aufgenommen. An drei Tagen in der Woche schrauben ehrenamtliche ADFC´ler und Migranten jeweils drei Stunden lang an den gespendeten Rädern. Das Projekt wird von den Flüchtlingen sehr gut angenommen. Es hat sich herumgesprochen, dass sie ein Fahrrad kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen, wenn sie darauf fahren können. Außerdem müssen sie nachweisen, mindestens an drei Tagen in der Werkstatt mitgearbeitet sowie einen Theoriekurs besucht zu haben.

Das kommt so gut an, dass inzwischen Wartelisten geführt werden. Wer einmal in der Werkstatt mitgearbeitet hat, will am liebsten an jedem Öffnungstag schrauben und werkeln. Wenn sich noch mehr ehrenamtliche Deutsche finden, die ADFC-Mitglieder sind und Freude an der Begegnung mit Flüchtlingen haben, kann die Werkstatt bald auch an vier oder fünf Tagen in der Woche geöffnet werden.  

In wenigen Wochen werden wir dann auch wieder das Tourenprogramm mit Flüchtlingen anbieten. Wir warten nur noch darauf, dass die Sonne wieder etwas höher am Himmel steht.      

 

ADFC-Selbsthilfewerkstatt für Migranten

Kolberger Platz 1 in Lübeck.

Öffnungszeiten:

Montag und Donnerstag 15 bis 18 Uhr

Projektleiter: 

Ingo Sievers

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Kommentar von Ingo Sievers | 25.01.2017

Achtung: GANZ WICHTIG:
Geänderte Öffnungszeiten:
Ab sofort Mo. und Do. 15:00 bis 18:00 Uhr

Kommentar von Katrin Petersen | 25.01.2017

Darf man auch außerhalb der Öffnungszeiten Fahrradspenden abstellen?