01.03.2015 von Rainer Aichele

Statistische Stolperfallen im Verkehrssicherheitsbericht

„An jedem fünften Verkehrsunfall war ein Radfahrer beteiligt ...“ diese Schlagzeile entstammt nicht etwa dem Blatt mit den vier großen Buchstaben. Ganz im Gegenteil – es ist der Aufmacher des Verkehrssicherheitsberichts 2013 unseres Landes Schleswig-Holstein, Ziffer 3.5 „Verkehrsunfälle mit Radfahrern“.

Empfohlen wurde die Lektüre dieses Berichts anlässlich der TASH-Tagung Ende Oktober letzten Jahres in Itzehoe. Was also macht das brave und neugierige ADFC-Mitglied, zugleich ehemaliger Polizeibeamter in Baden-Württemberg? Herunterladen auf den PC und analysieren!

Und siehe da, es gibt dazu auch eine Pressemitteilung des zuständigen Innenministeriums vom 27. Februar 2014. Demnach gab es im Jahre 2013 im Lande 73.773 Verkehrsunfälle (3,3 Prozent mehr als 2012). Auf Seite 22 des o.g. Berichts steht wiederum, dass im vergangenen Jahr, also 2013, 3.693 Unfälle mit Radfahrern aufgenommen wurden.

Diese beiden Zahlen in Relation gesetzt, ergeben mit einfachem Dreisatz gerechnet lediglich einen Anteil von fünf Prozent Radfahrunfällen, was bedeutet, dass sich nur jeder zwanzigste Verkehrsunfall unter Beteiligung eines Radfahrers ereignete. Da wird man doch stutzig und denkt an das berühmte Zitat über den Glauben an die Statistik, das ich hier nicht mehr zitieren möchte.

Die etwas seltsam klingende Lösung findet man in den Vorbemerkungen des Berichts: „Es ist anzumerken, dass in Schleswig-Holstein zwar alle 73.773 Verkehrsunfälle registriert, davon aber lediglich 18.855 polizeilich aufgenommen wurden.“ Dabei handelt es sich u.a. um Unfälle mit Personenschäden (VU P). Aha!

Und weil Unfälle mit Radfahrern – sie haben bekanntlich keine Knautschzone – meistens Unfälle mit verletzten Personen sind, vergleicht man diese Unfälle in der Dreisatzrechnung nicht mit der Gesamtzahl der registrierten, sondern nur mit der Anzahl der polizeilich bearbeiteten Unfälle. Was für ein kluger Schachzug, um die Unfälle mit Radfahrern in ei-em ganz besonderen, ich würde sagen ungünstigen Lichte erscheinen zu lassen!

So besehen wurde dann auch nicht jeder elfte Verkehrsunfall von einem Radfahrer verursacht sondern nur jeder 43. Weiter heißt es: „46,3 Prozent der Verkehrsunfälle mit Radfahrern wurden von ihnen selbst verursacht“. Das sind von den o.g. 3.693 Unfällen immerhin 1710 Unfälle, bezogen auf die Gesamt- zahl aller „registrierten“ Unfälle nämlich nur 2,32 Prozent.

Eine weitere Aussage muss ebenfalls verwun- dern, nämlich „dass die Anzahl der getöteten und verletzten Radfahrer auf Schleswig-Holsteins Straßen seit Jahren kontinuierlich steigt“: 2013 gab es zehn getötete Radler, 2012 waren 13 tote Radler zu beklagen und 2011 sogar deren 16; davor waren keine Zahlen mehr zu finden.

Wo ist da bei den getöteten Radfahrern die „kontinuierliche“ Steigerung zu erkennen? Mag sein, dass diese Aussage für der Zahl der Verletzten zutrifft. Leider wird im Bericht nicht untersucht, inwieweit dies mit einer Veränderung der Fahrradnutzung, dem sog. Modal Split zu tun hat, also der Zunahme des Radverkehrs im „Fahrradland Nr. 1“ insgesamt.

Richtig ist jedenfalls, dass nur jeder vierte Verkehrsunfall (18.855 von 73.773) polizeilich bearbeitet wird und dies bundesweit außer in Schleswig-Holstein nur noch in Hessen so gehandhabt wird. Dagegen gibt es ein völlig schiefes Bild, wenn die Zahl der Radunfälle nur an den bearbeiteten und nicht den registrierten Unfällen gemessen wird. Es besteht kein Anlass, auf diese Weise die umweltverträglichste Verkehrsart an den Pranger zu stellen.

Rainer Aichele

Zurück

Einen Kommentar schreiben