13.03.2014 von Klaus Holst

Speichen: Ein Rad aufspeichen ist wie eine Gitarre stimmen

Bekanntermaßen braucht das Rad nicht neu erfunden zu werden. Aber um vom einfachen Holzscheibenrad aus dem Jahre 3200 v. Chr. Geb. bis zum sauber aufgespeichten Laufrad zu kommen, gab es doch einiges zu erfinden. Aus dem Holzscheibenrad wurde das Holzspeichenrad entwickelt, mit dem schon ägyptische und römische Streitwagen unterwegs waren. Doch dann war Stillstand, nur Details bei der Herstellungstechnik und der Materialverbesserung kamen im Laufe der Jahrhunderte hinzu. Es dauerte bis zum Jahre 1862, bis das erste Drahtspeichenrad zum Patent angemeldet wurde.

Der grundlegende Unterschied zwischen dem Holzspeichen- und dem Drahtspeichenrad besteht nicht nur im Material und im Gewicht, sondern vor allem in der Art und Weise, wie die Kräfte geleitet werden. Das Holzspeichenrad hat radial angeordnete Speichen, die auf Druck belastet werden: Nimmt man bei einem Holzspeichenrad alle Speichen bis auf eine oder zwei heraus und lässt die nach unten weisenden stehen, kann das Rad über die verbliebenen Speichen immer noch eine Last tragen. Die auftretende Last wird durch die Holzspeichen nach unten abgeleitet.

Bei einem Drahtspeichenrad, wie es am Fahrrad verbaut ist, wäre das undenkbar, die Speichen würden einfach einknicken. Lässt man aber zwei oder drei nach oben weisende Speichen stehen, dann könnten sie die Last des Fahrrades abfangen. Die Last "hängt" gewissermaßen mit den Speichen an der Felge. Das entspricht dem Modell einer Bogenbrücke (z. B. der Fehmarnsundbrücke): Die auftretende Last ist oben an dem Brückenbogen (entspricht der Felge) aufgehängt. Der Unterschied ist deutlich: Holzspeichen sind auf Druck, Fahrradspeichen auf Zug belastet. Es musste erst einmal einer darauf kommen, dass man ein ganzes Fahrzeug an dünnen Drähten, nämlich den Speichen, "aufhängen" kann. 

Notwendig für die Verwendung von Drahtspeichen war es, von der einfachen radialen Anordnung der Speichen wegzukommen, wie man es vom Holzspeichenrad her kannte. Um eine zuverlässige Stabilität zu erreichen, müssen die Speichen tangential angeordnet sein, also nicht in Richtung der Achse weisen. Außerdem müssen sie sich kreuzen. Durch beide Maßnahmen wird das Rad zusätzlich versteift. Darüber hinaus wird durch die tangentiale Anordnung das Drehmoment wirksamer auf die Felge übertragen. Die Kräfte des Drehmoments wirken bei dieser Bauweise nicht rechtwinklig über die Speichen auf die Felge, vielmehr "ziehen" die tangential angeordneten Speichen die Felge beim Beschleunigen oder Bremsen in die gewünschte Drehrichtung mit.

Gebräuchliche Speichen haben meistens einen Querschnitt von 2,1 mm. Dabei unterscheidet man Eindickendspeichen (lies: Ein-dick-end-speichen) (ED) und Doppeldickendspeichen (DD). Bei den ED-Speichen ist nur der Bereich um den Speichenbogen dicker, bei den DD-Speichen zusätzlich auch das Gewindeende. Das Gewinde wird bei Qualitätsspeichen nicht geschnitten, sondern gewalzt, damit keine Sollbruchstelle entsteht. Speichen für Rennräder haben oft keinen runden, sondern einen länglichen Querschnitt, um windschlüpfiger zu sein. Das macht sich jedoch erst ab 40 km/h aufwärts bemerkbar, könnte aber bei einem Radrennen die entscheidenden Sekundenbruchteile zum Sieg beitragen.

Das Aufspeichen eines Rades scheint bei vielen Fahrradfreunden immer noch als eine besonders schwer zu erlernende Kunst zu gelten. Macht man sich jedoch einmal klar, wie die Speichen geführt und gekreuzt werden und wie die Speichenspannung auf das Laufrad wirkt, lässt sich diese Kunst schnell erlernen. Was man braucht, ist außer einem Speichenschlüssel vor allem viel Geduld und ein anderes Laufrad als "Vorlage". Auch Seitenschlag und Höhenschlag lassen sich mit Geduld und Speichenschlüssel korrigieren. Eine solche Korrektur sollte dabei in kleinen Schritten durch jeweils eine viertel, maximal eine halbe Umdrehung des Speichennippels vorgenommen werden.

Beim Seitenschlag werden die Nippel auf derjenigen Seite gelockert, zu der die Felge schlägt. Die Nippel der gegenüber liegenden Speichen werden vorsichtig fester gezogen. Ähnlich geht man beim Höhenschlag vor. Hier muss jedoch aber auch erwähnt werden, dass es Stimmen gibt, die grundsätzlich vom Lockern der Speichennippel abraten, da eine Entspannung des Speichensystems eine Folge weiterer Korrekturen erfordern würde. 

Auch wenn das Rad rund zu laufen scheint, es aber wegen zu geringer Speichenspannung Geräusche von sich gibt, ächzt und knarzt, besteht Handlungsbedarf. Denn solche Geräusche entstehen, wenn die Speichen zu locker und ungleichmäßig gespannt sind. Einzelne Speichen werden dabei überlastet, einen Speichenbruch könnte die Folge sein. Dabei sind die Stellen am Nabenflansch und direkt am Speichennippel die üblichen Bruchstellen.

Und fehlt erst einmal eine Speiche im System, vergrößert sich die Gefahr, dass auch weitere Speichen reißen. Daher empfiehlt es sich, auf größeren Touren einen Speichenschlüssel und Ersatzspeichen mitzunehmen. Sie lassen sich unauffällig mit Klebeband an einer der Hinterradstreben befestigen. Für eine Notreparatur unterwegs gibt es auch Speichen aus Drahtseil, die schnell eingebaut und universell angepasst werden können.

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