08.10.2013 von Jürgen Hentschke

Schutzstreifen für den Radverkehr außerorts - drei Teststrecken im Kreis Stormarn

Der Kreis Stormarn beteiligt sich an einem Forschungsprojekt zur Erhöhung der Sicherheit und Förderung der Attraktivität des Radverkehrs. Es geht um das Abmarkieren von Schutzstreifen für den Radverkehr außerhalb von Ortschaften

In einem bundesweiten Forschungsprojekt im Rahmen des Nationalen Radverkehrsplans werden die Untersuchungen für dieses Projekt in den Jahren 2013 und 2014 durchgeführt. In Schleswig-Holstein sind folgende drei Strecken des Kreises Stormarn für das Projekt ausgewählt worden:

 

  • K 79, Eichede - Barkhorst 
  • K 97, Siek (ab Kreisverkehr an der L 224) - Hoisdorf 
  • K 98, Lütjensee - Oetjendorf

 

Die Voruntersuchungen wurden im Mai 2013 begonnen. Dabei wurden z. B. die Fahrzeugarten gezählt, die gefahrene Geschwindigkeit gemessen und das Fahrverhalten der Kfz-Führer bei Überholvorgängen beobachtet. Nach Abmarkierung der Schutzstreifen werden diese Untersuchungen erneut durchgeführt. Zum Ende des Forschungsprojektes wird die Schutzstreifenmarkierung wieder entfernt.

Die genannten Strecken werden wie folgt abmarkiert: beidseitig Schutzstreifen für den Radverkehr in einer Breite von 1,50 m an der K 79, 1,30 m an der K 97 und 1,35 m an der K 98 mit einer Leitlinie (Strich/Lücke), der bisher vorhandene Mittelstreifen wird entfernt. Gleichzeitig wird die zulässige Geschwindigkeit auf max. 70 km/h reduziert.

Es verbleibt eine Kernfahrbahn mit einer Breite von ca. 3,00 m. Auf dieser Kernfahrbahn sind dann die Kraftfahrzeuge in beiden Richtungen zu führen. Nur bei Bedarf, z.B. bei Gegenverkehr durch andere Fahrzeuge, darf auf den Schutzstreifen ausgewichen werden. Befindet sich auf gleicher Höhe ein Radfahrer auf dem Schutzstreifen, hat der Kfz-Fahrer sich hinter dem Radfahrer einzuordnen und darf diesen erst überholen, wenn der Gegenverkehr vorbei ist. 

Ziel des Projektes ist die Erhöhung der Sicherheit des Radverkehrs. Die hieraus gewonnenen Erkenntnisse sollen in die Weiterentwicklung der Rechtsvorschriften zur Verkehrsführung einfließen. 

Jürgen Hentschke

 

Zwei Leser schreiben ihren Eindruck nach einer "Testfahrt", der eine aus Radler-, der andere aus Autofahrersicht:

 

Aus Radlersicht: 

 

Moin, moin, ich habe heute mal eine Tour gemacht, in der ich alle drei Strecken jeweils in beiden Richtungen gefahren bin. Um es vorweg zu nehmen: Ich fürchte, dass man mit der Unterstützung dieses Projekts dem Radverkehr einen Bärendienst erweist.

Nun im Einzelnen: 

Auf allen drei Strecken gibt es für den Kraftverkehr nur noch einen Fahrstreifen, der nun aber für beide Fahrtrichtungen gilt. Ich vermute mal, dass das Ziel war, folgendes Verhalten zu erreichen:

Normalerweise nutzt der Kraftverkehr den verbleibenden Fahrstreifen, kommen sich z.B. zwei PKW entgegen, müssen beide entgegenkommenden Fahrzeuge auf den Schutzstreifen ausweichen. Dieses dürfte der wesentliche Grund für das verschärfte Tempolimit sein. Kommen sich z.B. PKW und Radfahrer entgegen, sollte der PKW ebenfalls auf den Schutzstreifen ausweichen

Und die Praxis:

a) Die meisten Kraftfahrer befahren die Strasse so, als ob noch die alte Markierung gültig wäre:

  • - Es wird auch ohne weitere Verkehrsteilnehmer der alte Richtungsfahrstreifen benutzt - also wird der Schutzstreifen befahren;
  • - beim Überholen eines Radfahrers fahren die meisten wie gewohnt ziemlich weit nach links, so dass der seitliche Abstand grosszügig bemessen ist;
  • - In diesen Fällen ist die Situation für Radfahrer weder besser noch schlechter und in keiner Weise besorgniserregend.

 

b) Einige Kraftfahrer nutzen den neuen mittleren Fahrstreifen und weichen bei zu überholenden oder entgegenkommenden Radfahrern auf den entsprechenden Schutzstreifen aus:

 

  • - Zunächst einmal ist diese Situation für Radfahrer wie unter a) weder besser noch schlechter und in keiner Weise besorgniserregend.
  • - Aber: Der Kraftfahrer ist gezwungen, zu reagieren. Tut er es nicht, kommen wir zu Punkt c) 

 

c) Einige wenige Kraftfahrer nutzen den neuen mittleren Fahrstreifen und weichen bei zu überholenden Radfahrern nicht aus: 

 

  • - Der seitliche Abstand läuft Gefahr, den vorgeschriebenen Mindestabstand zu unterschreiten; 
  • - der Kraftfahrer hat hierbei noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen, weil er ja auf dem für ihn vorgesehenen Fahrstreifen unterwegs ist und der Radfahrer auf seinem Fahrstreifen. 

 

Fazit:
Getreu dem Motto "Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die eines Anderen eingeschränkt wird" sollte hier wohl erreicht werden, dass die Freiheit der Kraftverkehrs zugunsten des Radverkehrs eingeschränkt wird. Dieses Ansinnen ist löblich, da bislang der Kraftverkehr gegenüber dem Radverkehr zweifelsfrei sehr oft bevorzugt wird. 

Die Einschränkung des Kraftverkehrs ist durch verschärftes Tempolimit und höhere Anforderung an die Aufmerksamkeit gelungen. Bislang verdiente der Gegenverkehr (egal ob Fahrrad oder Auto) nur in besonderen Situationen Aufmerksamkeit (Überholen, Abbiegen). Jetzt ist unbedingte Aufmerksamkeit zwingend erforderlich. Die Verbesserung des Radverkehrs? Mit Ausnahme der Sekundärmassnahme Tempolimit keine Verbesserung, im Gegenteil: Ich bin davon überzeugt, dass das Gefahrenpotenzial auf den drei Stormarnern Teststrecken nun gestiegen ist.

Ich vermute und hoffe, dass das traurige Mittel der Unfallstatistik hier nicht geeignet ist, eine Veränderung festzustellen, denn ich habe bislang noch nicht davon gehört, dass es auf den drei Teststrecken zu Unfällen zwischen Kraft- und Radverkehr gekommen ist. Hoffen wir mal, dass das so bleibt. Die Einrichtung von Schutzstreifen könnte ich mir an Straßen als sinnvoll vorstellen, die breit genug sind, dass anschliessend noch zwei ausreichend breite Fahrstreifen für den Kraftverkehr bestehen bleiben. Die drei Stormarner Teststrecken halte ich für eine Verbesserung des Radverkehrs für ungeeignet. 

Gruß, Thomas Pfau

 

 

Aus Radler- und Autofahrersicht:

 

Liebe Radlerkollegen, seit im Kreis Stormarn mehrere Teststrecken mit Schutzstreifen abmarkiert sind, hatte ich reichlich Gelegenheit, zwei davon (Hoisdorf–Siek und Lütjensee–Hoisdorf) sowohl mit dem Rad als auch mit dem Auto zu befahren. Meine wiederkehrende Beobachtung dort ist, dass kaum jemand begriffen hat, wie er/sie sich dort zu verhalten hat: Der Anteil derjenigen PKW, die ohne Not permanent den Schutzstreifen mitbenutzen, liegt dort typischerweise bei 70 bis 80 Prozent; und das beinhaltete wiederholt auch Fahrschul-Fahrzeuge, insofern habe ich den Eindruck, dass hier ein erhebliches Informationsdefizit herrscht. Zur Unsicherheit mag auch beitragen, dass zumindest die Streckenführung bei Siek sich nicht wirklich zur Markierung einer "Single-Track Lane" eignet: Die Kurven sind teils so eng und unübersichtlich, dass es aus Windschutzscheibenperspektive schlicht ein Gebot der Vernunft ist, die Regelung zu ignorieren und strikt am rechten Fahrbahnrand zu fahren.

Mit freundlichen Grüßen Christian Wöhrl 

 

Aus Autofahrersicht:

Hallo! Habe heute "nichts ahnend" als Autofahrer die Strecke Eichede - Barkhorst genutzt und dabei die rechte Straßenhälfte und damit den Schutzstreifen befahren, weil ich den Sinn der Sache überhaupt nicht verstanden habe. Ich denke es wird vielen Autofahrern so gehen. Es ist eine psychologische Barriere mitten auf der Straße zu fahren, auch wenn alles frei ist. "Das macht man einfach nicht... außer vielleicht in Schweden ;-)". Positiv aus Sicht der Autofahrer ist vielleicht die mit dem Streifen gegebene Orientierung für den Fall einer Begegnung Auto - Auto - Rad. Dann wird nämlich klar, dass die Straße für eine derartige Begegnung zu eng ist, der Autofahrer bremst ab und kommt nicht auf die Idee, den Radler zu schneiden. Soweit mein erster Eindruck.

Freundliche Grüße Jens Wilking

 

 

 

 

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Kommentar von MN | 16.12.2015

Moin,

ich befahre täglich die Strecke Lütjensee-Hoisdorf und habe folgendes feststellen müssen:
Der Schutzstreifen wird von 'nicht-Kraftfahrern' zunehmend auch mal als Gehweg genutzt.

Insbesondere heute habe ich ein sehr unangenehmes Erlebnis gehabt.
Beleuchtung ist auf der Strecke keine vorhanden und bekanntermaßen wird man von entgegenkommenden Fahrzeugen auch geblendet.

Mir kommt also ein Fahrzeug entgegen, ich fahre auf den Schutzstreifen und wundere miuch plötzlich was da für winzige Reflektoren auf und ab hüpfen. Als ich erkennen konnte, dass es sich dabei um einen Läufer handelte war es schon fast zu spät. Vollbremsung, Ausweichmanöver - man stelle sich vor was passiert wäre, wenn das entgegenkommende Auto auch nur eine Sekunnde später an mir vorbei gefahren wäre.

Der Läufer trug schwarze Kleidung und ein sehr mikriges, kaum mit Reflektoren bestücktes 'Warnlaibchen'. Von hinten war er garnicht zu erkennen. Nur ein paar hundert Meter später sehe ich eine Läuferin mit Hund. Der Hund hat geblinkt...die Läuferin nicht. Dort war nichtmal eine Warnweste vorhanden.

Wenn es noch mehr dieser unbeleuchteter 'Fußgänger' gibt dann wird es früher oder später Todesopfer zu beklagen geben. Ich mag mir garnicht ausmalen was vorhin hätte passieren können.

Nun kann man argumentieren, dass doch die Fußgänger sich nicht so doof anstellen sollen, aber der Schutzstreifen ist schlichtweg eine Einladung zu solchem Verhalten. Gesunder Menschenverstand hin oder her, diese Einladung wird häufig genug in Anspruch genommen und birgt somit großes Gefahrenpotential.

MfG