02.01.2014 von Rolf Jungbluth

Schiebe-Kreisel Norderstedt

Foto: Rolf Jungbluth

Seit dem Mittelalter ist der Ochsenzoll von Norden her das Einfallstor nach Hamburg. Der berühmte Heerweg oder Ochsenweg führt hier vorbei. Heute kreuzen sich an dieser Stelle die B 432 (Flughafen/A7 - Bad Segeberg), die B 433/L 284 (Hamburg - Kaltenkirchen) und 40.000 Kraftfahrzeuge täglich. Für 15 Millionen EUR hat die Stadt Norderstedt diese Kreuzung mit Tunnel, Fahrstühlen und Kreisel umgebaut. 

Und das Ergebnis? "Radfahrer absteigen!". Radfahrer sollen hier schieben, weil die benutzungspflichtigen Radwege jeweils am Zebrastreifen enden. Wenn ein Radweg endet, dürfen Radfahrer laut StVO den Radweg vorher verlassen, wo dies ohne Gefahr möglich ist, z. B. an abgesenkten Kantsteinen. Daraus ergibt sich verkehrsrechtlich die Konsequenz: Auf allen vier zuführenden Straßen ist das Radfahren im Umfeld des Kreisverkehrs auf der Fahrbahn erlaubt, weil keine durchgehenden Radverkehrsanlagen vorhanden sind.

Bei dem jetzigen Bauzustand hat die Polizei keine rechtliche Handhabe, das Radfahren auf der Fahrbahn zu verbieten, weil dies ein Verkehrsverbot für Radfahrer bedeuten würde. Trotzdem erklärte die Stadtverwaltung, die Radfahrer müssten dort schieben, denn das Fahren auf der Fahrbahn sei eine Ordnungswidrigkeit. 

Das Fahrbahn-Radeln sieht auch der ADFC bei der hohen Verkehrsbelastung für ungeübte Fahrer als sehr gefährlich an. Da der Kreisel 200 m von der Landesgrenze entfernt liegt, fühlen sich auch die Hamburger betroffen. Daher hat sich der Hamburger ADFC an den Bundesverband gewandt und die folgende Stellungnahme erhalten:

"Die Gestaltung des Kreisels widerspricht allen mir bekannten rechtlichen Vorgaben. Das Befahren eines zweistreifigen Kreisels ist wegen der unklaren Verhältnisse beim Ein- und Ausfahren für Radfahrer selbst bei Tempo 30, das ohnehin nicht eingehalten wird, lebensgefährlich und einem normalen Radler nicht zuzumuten.

Die Führung des Radverkehrs über FGÜ (Fußgängerüberwege) ist zwar rechtlich möglich, denn das Verbot in den R-FGÜ (Richtlinien für die Anlage und Ausstattung von Fußgängerüberwegen richtet sich nur an die Verkehrsbehörden. Die unklaren Vorfahrtverhältnisse sind ebenso lebensgefährlich.

Der ausfahrende Verkehr aus dem Kreisel muss dem Radverkehr nach § 9 Abs. 3 StVO Vorfahrt gewähren, unabhängig vom FGÜ. Ein Zeichen 205 (Vorfahrt gewähren) ist auf dem Bild nicht zu sehen.

Der komplette Kreisel müsste nach den Richtlinien umgebaut werden. Hier könnte man wegen Verstoß gegen die Verpflichtung aus dem Landes-Straßengesetz, verkehrssicher und richtliniengerecht zu bauen, einen Umbau einklagen. Es müsste auch sofort eine 'Notlösung' zur Sicherung des Radverkehrs eingerichtet werden. Das erste wäre, den Kreisel so abzusperren, dass er nur noch einen Fahrstreifen aufweist. Dann könnten die Radfahrer im Kreisel mitfahren".

 

Als Zwischenlösung bis zum Ende der Umbauzeit fordert der ADFC Norderstedt: Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h und eine einstreifige Abmarkierung des Kreisels sowie der Zu- und Abfahrten.

Doch es kam noch anders. Zehn Tage nach Eröffnung des Kreisels erfolgte ein Schnellschuss. Am Anfang der Zebrastreifen wurden blaue Radverkehrs-Schilder aufgestellt, was die Unfallgefahr erheblich erhöht. Es irritiert Radfahrer, weil die Verkehrssituation noch unklarer wird. Dürfen sie auf dem Zebrastreifen fahren? Haben sie Vorfahrt oder nicht? Müssen sie absteigen? Diese Fragen kann nur ein Anwalt oder Richter beantworten. Die Polizei war wenigstens hilflos. Hinzu kommt die Sichtbehinderung durch Mauern und Gitter.

In der Einwohner-Fragestunde der Stadtvertretung Norderstedt urteilte der ADFC: Wir haben allen Grund, uns bei der Stadt zu bedanken für sehr viele Verbesserungen im Radverkehr. Norderstedt hat sich in den letzten Jahren zum Vorzeige-Modell in Sachen Radverkehr entwickelt. Der neue Kreisverkehr mit seinem großen Gefahrenpotential ist jedoch ein schwerer Rückschlag und ein Image-Schaden für die Stadt.

Um die Verkehrsprobleme am Kreisel zu verdeutlichen, lud der ADFC Norderstedt am 16. November zu einer Kreisel-Versteher-Radtour ein. 78 Teilnehmer, die Presse und der lokale Fernsehsender waren dabei, nicht erschienen, obwohl eingeladen, waren der Stadtrat und seine Mitarbeiter.

Die beiden „Kreisel-Versteher“ Kai Wüstermann und Rolf Jungbluth umfuhren den Kreisel mit den Radlern aus Hamburg und Norderstedt. Zuerst wie von der Stadt gewünscht, auf Umwegstrecken über eine Fußgängerampel mit 90 Sekunden Grün-Anforderungs-Zeit und 6 Sekunden Grünzeit.

Für die 220 Meter brauchte die Gruppe vierzehn Minuten, während die Autos die kürzere Strecke von 50 m locker in 5 Sekunden schafften. Dann fuhr die Gruppe - wie verkehrsrechtlich möglich - im Kreisel auf der Fahrbahn. Ausführliche Dokumentation auf www.adfc-norderstedt.de

Wie geht es weiter?? Dem Antrag der Stadtvertretung ist stattgegeben worden, den Kreisel durch ein Sicherheits-Audit zu überprüfen. Der ADFC wünscht den Planern dann einen „kühlen Kopf“, um durchdachte Lösungen zu erarbeiten, die dem Radverkehr die selben Rechte auf allen zwölf Wegebeziehungen einräumen, wie dem Kfz-Verkehr. Die Ortsgruppe wird bis zum Umbau des Kreisels Druck machen.

I have a dream - wir haben einen Traum! Nämlich den, dass die Critical Mass Hamburg im Frühjahr mit 2 – 3000 Radfahrern unseren Schiebe-Kreisel umrundet. www.facebook.com/criticalmasshamburg. Weitere verkehrspolitsche Radtouren werden wir auf dem Kreisel veranstalten.


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