08.06.2012 von PETT MAN SÜLM! Redaktion

Rückblick auf die Jahre 1996 bis 2000: Dietmar Kettler, damals Vorsitzender, erinnert sich

von Dietmar Kettler

Dietmar Kettler hält die ADFC-Fahne hoch (Foto: Dietmar Kettler)
Dietmar Kettler hält die ADFC-Fahne hoch (Foto: Dietmar Kettler)

1996, als Claudia Schmid den Landesvorsitz an mich abgab, hatte der Verband die dritte oder vierte Aktiven-“Generation“ erreicht und zugleich eine Größe und Aufgabenbreite, die ohne bezahlte Kräfte nicht mehr zu bewältigen war. Die Anfragen aus dem ganzen Land waren so zahlreich geworden, dass sie ehrenamtlich nicht mehr abzuarbeiten waren.

Und die Zahl der landesverkehrspolitisch wichtigen Termine hatte so zugenommen, dass die ehrenamtlichen Vorstandsmitglieder, die im wesentlichen als Angestellte ihre Brötchen verdienten und aus dem ganzen Land kamen, sie nicht mehr in ausreichendem Maße wahrnehmen konnten. Wer will schon ständig einen halben Tag Urlaub nehmen, wer will schon jede Woche quer durchs ganze Land zu einem Ministeriumstermin, einer Gremiensitzung oder einer öffentlichen Anhörung anreisen? Ein Teil meiner Arbeit von 1996 bis 2000 lag daher darin, die längst notwendig gewordene Professionalisierung voran zu treiben.

1998 verabschiedete die Landesregierung ein „Programm Fahrradfreundliches Schleswig- Holstein“. Die Ministerpräsidentin hatte zuvor die Losung ausgegeben, Schleswig-Holstein müsse „Fahrradland Nr. 1“ werden, und in Nordrhein-Westfalen gab es mindestens seit Anfang der neunziger Jahre ähnliche Bestrebungen. Der erste Entwurf für ein „Programm fahrradfreundliches Schleswig-Holstein“ stammte aus der Feder von Ministerialbeamten und konnte vom ADFC nur als gänzlich unbrauchbar verrissen werden. Nach entsprechender Kritik gab das Verkehrsministerium einem privaten Planerbüro den Auftrag, das „Programm“ neu zu schreiben, und dieses hatte nichts Besseres zu tun, als einen Beauftragten nach Kiel in die Landesgeschäftsstelle des ADFC zu senden und zu hören, was man denn dort für Vorstellungen hatte. Er notierte fleißig, was wir vorgaben, legte das Ergebnis dem Ministerium vor und dieses übernahm nahezu alles. Das „Programm Fahrradfreundliches Schleswig- Holstein“ von 1998 trägt daher bis heute in weiten Teilen meine Handschrift. Nur von der Umsetzung hat man sich weitgehend verabschiedet.

Neu gegründet wurde als Folge des „Programms“ das Landesweite Fahrradforum, das nach dem Vorbild des Kieler Fahrradforums Entscheidungsträger der Landesebene und Lobbyisten zusammen bringen sollte, um den Kenntnisstand voranzubringen. Die regelmäßigen Sitzungen waren mit Vor- und Nachbereitung anstrengend, aber lohnend: Es war erschreckend, auf welchem fachlichen Niveau die bezahlten Entscheidungsträger agierten. 2000 gab es eine erste Fachtagung „Radverkehr in Schleswig-Holstein“. Sie war als jährlich durchzuführende Veranstaltung wesentlicher Bestandteil des „Programms Fahrradfreundliches Schleswig-Holstein“ im Handlungsfeld „Öffentlichkeitsarbeit und Wissensvermittlung“. Diese erste Veranstaltung setzte sich, wie in dem „Programm“ angestrebt, mit dem Alltagsradverkehr auseinander. Dass der ADFC sich nicht auf dem Erreichten ausruhen kann, zeigte die weitere Entwicklung: In den Folgejahren gab es keine solchen Veranstaltungen mehr, man deklarierte einfach Veranstaltungen um, die kaum oder nichts mit Alltagsradverkehr zu tun hatten und auch kaum „Fachtagung“ genannt werden können.
2000, als ich den Staffelstab weitergab, war auch „Bett & Bike“ kurz davor, eine Anschubfinanzierung vom hiesigen Wirtschaftsministerium zu bekommen, die die notwendige Professionalisierung sowohl des „Bett & Bike“-Projektes auf schleswig-holsteinischer Ebene als auch die des ADFC-Landesverbandes entscheidend voranbringen sollte. In anderen Ländern gab es „Bett & Bike“ schon länger - jeweils mit einer Anschubfinanzierung des Landes. Der längst unerlässlich gewordene Geschäftsführer konnte jedoch noch nicht sofort eingestellt werden.

Die vier Jahre Vorstand haben mir so viel Arbeit beschert, dass man sie nur als Freiberufler leisten konnte oder als Rentner hätte leisten können. Aber ich habe zahlreiche Qualitätsstandards im Landesverband und in den Landesministerien setzen können. Auch aus zeitlichem Abstand betrachtet bin ich froh darüber.

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