01.01.2012 von Klaus Holst

Rezension: Mit Tilmann Waldthaler durch Deutschland von Nord nach Süd

Dieses Buch ist eine Freude für alle Radreisenden und solche, die es werden wollen: Tilmann Waldthaler nimmt uns ein Stück mit quer durch Deutschland auf seiner Tour von Norwegen nach Neuseeland (!). Von Dänemark kommend fährt er den Ochsenweg und am Nord-Ostsee-Kanal entlang durch Schleswig-Holstein, dann über den Elbe- und Weser-Radweg an den Rhein und weiter auf dem Rheinradweg nach Basel.

Wer meint, hier eine der üblichen Reiseberichte vor sich zu haben, irrt sich. Vielmehr könnte dieses Buch heißen "Kleine Einführung in die Philosophie des Radreisens".

Nach über 30 Jahren Radtourenerfahrung und fast 500.000 km im Sattel ist aus Tilmann ein Philosoph auf zwei Rädern geworden. In seinem Buch lässt er die Gedanken im Takt der Pedaltritte schweifen, erzählt von der Intensität der Eindrücke, überraschenden Zufallsbekanntschaften, begeistert sich an den kleinen Schönheiten am Wegesrand oder philosophiert über die Eigenschaften der Mitmenschen, denen er unterwegs begegnet. Dabei ist eigentlich das, was er erlebt zweitrangig, vielmehr ist entscheidend, wie er es erlebt. Seine Gelassenheit, seine Erfahrung und seine Kommunikationsfreude, aber auch die Fähigkeit, allein sein zu können, bilden eine Mixtur von Eigenschaften, die er sich im Laufe hunderttausender Kilometer erradelt hat. Der Autor versteht es, diese besondere Reise-Atmosphäre zu vermitteln und bei dem Leser den Wunsch aufkommen zu lassen, ebenso gelassen und entspannt reisen zu wollen, egal ob mit dem Fahrrad oder sonstwie.

Wenn man liest, wie er seine Tour auf dem schleswig-holsteinischen Ochsenweg erlebt, möchte man seiner Aufforderung folgen, ihn zu begleiten. Hier eine Leseprobe: "Mais und leicht welliger Boden. Die Vögel zwitschern, Die Sonne malt prachtvolle Schatten in die Welt, der Fahrtwind kühlt, und das leise Knirschen meiner Reifen ist wie ein endloser Soundtrack - ich bin fast sicher, es setzt Endorphine frei, Glückshormone. So fliegen die Kilometer. Ab und zu begegne ich einem Traktor, auch einige Radfahrer sind schon unterwegs. Man lächelt sich an, grüßt. Ein großer Frieden liegt über der Welt, ein Frieden mit dem Potenzial, das ganze Universum zu erfassen und in sich einzuschließen. Alle, die diesen Frieden tagtäglich zerstören - aus Eigensinn, Unkenntnis, der haltlosen Gier nach vordergründigen Zielen -, sie alle sollten mich einen Tag lang begleiten, denke ich manchmal. Sie sollten erleben, was ich erlebe, und sie wären geheilt. Doch das stimmt natürlich nicht, denn meine Tour kann tatsächlich nur einer so erleben wie ich: der bärtige Tilmann W."  Ja, da hat er wohl (leider) recht ...  

Ein ganzes Kapitel widmet er seinem Besuch beim ADFC in Bremen, wo er sich mit Bertram Giebeler trifft, dem stellvertretenden Bundesvorsitzenden. Das Thema der beiden (neben manchem Privaten): Der Aufbau der Infrastruktur für den Fahrradtourismus in Deutschland in den letzten Jahrzehnten und der Anteil des ADFC daran. Mancher wird sich erinnern: Aus Österreich hatte man vom Erfolg des Donau-Radweges gehört, bei uns begann es mit dem Weserradweg, dem "Lieblichen Taubertal" und in Schleswig-Holstein zögernd mit der Alten Salzstraße. Dann ging es Schlag auf Schlag, ein Radfernweg nach dem anderen entstand, überall setzte man auf den Fahrradtourismus. Hinzu kam der Aufbau des Bett+Bike-Netzes. Eine Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht. 

Im Anhang des Buches findet der Leser noch Tipps für unterwegs. Da sind zunächst die 20 vom ADFC prämierten Sterne-Radwege zusammengefasst. Außerdem 25 Praxis-Tipps - plus zwei Bonus-Tipps. - Einen weiteren ("Bonus-")Tipp fügt hier der Schreiber dieser Zeilen noch an: Das Buch selbst. Es ist für jeden Radtouren-Fahrer, egal ob erfahren oder unerfahren, uneingeschränkt lesenswert. Da bleibt nur noch zu sagen: Viel Freude bei der Lektüre!

Buchtitel: Tilmann Waldthaler, Carlson Reinhard, Bei Sonne, Wind und Regen, Unterwegs auf Deutschlands schönsten Radwanderwegen, Malik-Verlag, August 2011, ISBN 978-3-492-40424-2, 12,95 EUR

kh

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