01.01.2012 von Klaus Holst

Radtour an der deutsch-deutschen Grenze

Mauer, Wachttürme, ein hoher Zaun aus Streckmetall und Busse voller Leute, - so hat es hier ausgesehen, als es die Grenze noch gab, und so sieht es auch heute noch aus: Mödlareuth, ein ganzes Dorf als Grenzmuseum! Unsere Fahrräder werden sogar von einem Vopo bewacht. Er steht als Bronzefigur neben dem Kino, in dem Filme von der Grenze gezeigt werden. Im "Grenzgänger" gibt es Kaffee und Kuchen satt für 5 EUR, nebenan Andenkenläden mit dem üblichen Grenzschnickschnack. Das Besondere in Mödlareuth: Hier verlief die Grenze mitten durchs Dorf! Das gibt es sonst in keinem anderen der zahlreichen Grenzorte an der deutsch-deutschen Grenze, daher auch die Bezeichnung "Klein Berlin". 

Unsere Tour beginnt am Dreiländereck, dort, wo heute die Länder Tschechien, Sachsen und Bayern aneinanderstoßen und wo damals die innerdeutschen Grenze auf die Tschechoslowakei traf. Von hier bis nach Travemünde sind es dem Grenzverlauf folgend 1400 Kilometer. Wir wollen dem Weg bis zur Elbe folgen, das sind rund 850 km. 

Mit der Bahn geht es bis Hof in Bayern, von dort erreichen wir nach einer Stunde lockeren Tretens das Dreiländereck bei dem Dörfchen Prex. Ganz können wir unsere Enttäuschung nicht verbergen. Statt einen markanten Punkt anzutreffen, etwa einem dominierenden Grenzstein mit Wappen, der klar die Grenzverläufe bezeichnet, finden wir uns in einer Senke wieder, die von mehreren kleinen Bächen durchzogen und mit Schildern und schmucklosen Grenzsteinen aller Art zugestellt ist. Immerhin, die Tschechen präsentieren ihr Landeswappen und die Bayern haben das Schild "Staatsgrenze" aufgestellt, aber  wo nun eigentlich Sachsen anfängt, bleibt unklar. Ansonsten ist es hier nicht anders als an irgendeinem Rastplatz: Picknickmöblierung, Papierkörbe und eine Ansammlung von Hinweis- und Wanderwegschildern.

Vom Dreiländereck aus folgen wir auf kleinen Landwirtschaftswegen dem ehemaligen Grenzverlauf. Bald aber geht es rechts ab, direkt auf den alten Kolonnenweg. Von hier aus bewachten früher die Grenztruppen den Sozialismus. Der Weg besteht aus Lochplatten, sie mögen schon für die Grenzfahrzeuge damals wenig Komfort geboten haben, für uns und unsere Räder, ungefedert, schmale Normalreifen, sind sie ein echter Härtetest. Zwar ist vom Grenzzaun nichts mehr zu sehen, doch linker Hand lässt sich noch deutlich der Kfz-Sperrgraben erkennen, und in der Ferne hat auch ein Wachtturm überlebt. Es dauert nicht lange, da endet der Kolonnenweg vor einer Autobahn, und nur ein Geländeritt querfeldein führt uns zurück auf befahrbare Straßen.

Wir passieren kleine Orte, deren Namen wir als ehemalige Grenzübergangsstellen erinnern. Wer kennt noch Juchöh, Gutenfürst, Rudolphstein oder Probstzella? Zwar haben wir uns nach den ersten Erfahrungen entschlossen, den eigentlichen Kolonnenweg zu meiden, doch auch auf den übrigen Straßen darf man nicht zimperlich sein: Insbesondere im Bereich der Saale und des Thüringer Waldes geht es achterbahnmäßig auf und ab. Nach immer neuem, zähem Kampf mit den Steigungen erreichen wir schließlich die Höhe des Rennsteiges. 

Der Rennsteig verläuft auf dem Kamm des Thüringer Waldes und bildet streckenweise direkt die Grenzlinie. Auch einen Rennsteig-Radweg gibt es, wir folgen ihm auf sehr naturnahen, zickzackreichen Waldwegen bis zu der Stelle, wo er uns an einer der Werra-Quellen vorbeiführt. Die Quelle ist in Stein gefasst, das Wasser plätschert aus einem vermoosten Rohr, aber das ist auch alles an Romantik, denn gleich nebenan lärmt die Bundesstraße. Statt nun weiter den grenznahen Straßen zu folgen, bleiben wir von hier ab an der Werra. Die führt immerhin in Grenznähe entlang und wird in ihrem mittleren Bereich mehrfach von der Grenze geschnitten. Auf der Bundesstraße geht es erst einmal mehrere hundert Höhenmeter den Thüringer Wald hinunter. Unten angekommen können wir den angenehmen und gut beschilderten Werraradweg über Hildburghausen, Meinigen und Bad Salzungen unter die Räder nehmen. die Städte Sonneberg und Coburg lassen wir links liegen, Landschaften wie das Grabfeld und die Rhön, über die sich die Grenze hinwegzieht, sehen wir in der Ferne.

Zwischen Bad Salzungen und Eschwege überquert die Werra die Grenze mehrere Male und bildet auch auf etlichen Kilometern den Grenzverlauf. Nur an den Landkreisbezeichnungen auf den Ortsschildern (Wartburgkreis WAK oder Werra-Meißner-Kreis ESW) und an den Telefon-Vorwahlnummern (03... oder 05...) können wir erkennen, ob wir gerade in Thüringen oder in Hessen sind. Eine Mischung aus Fachwerkstädten, Kalibergwerken und Naturschutzgebieten bietet innerhalb weniger Kilometer ein Wechselbad aus Kleinstadt-Idylle, Industrie-Gigantismus und Froschkonzerten. Auch die Grenze bleibt präsent: Da gibt es in Vacha das Haus, durch das die Grenze mitten hindurch lief, bei Wanfried die "Stasi-Röhre", hier konnten Agenten unbemerkt unter dem Grenzzaun in den Westen kriechen, bei Geisa den Point Alpha, wo die Amerikaner einen ihrer wichtigsten Beobachtungsposten in Europa hatten und immer wieder das Schild mit der Aufschrift "Hier waren Deutschland und Europa bis zum ... genaues Datum und Uhrzeit ... geteilt".

Kurz vor Witzenhausen schwenken wir von der Werra ab und fahren zur Burg Hanstein hinauf. Direkt unterhalb der Burg verlief der Kolonnenweg. Die Burg gehört mit ihrer Lage über dem Werratal und neben einer zweitürmigen Kirche zu den schönsten des mittleren Deutschlands. Durch das Eichsfeld, bekannt geworden durch den Papstbesuch, erreichen wir den Harz. Hier leisten wir uns den Luxus einer Bahnfahrt mit der Harzer Schmalspurbahn und lassen uns von einer Dampflok von Nordhausen (184 m ü. NN) nach Drei Annen Hohne (540 ü. NN) hinauf befördern. 

Nördlich des Harzes wird es flach: Quadratkilometergroße Felder, fruchtbarster Börde-Boden und Braunkohlegruben nahe Helmstedt bestimmen die Landschaft. Schließlich gelangen wir nach Marienborn. Wir steuern das Grenzmuseum am ehemaligen Autobahn-Grenzübergang Helmstedt-Marienborn an. Große überdachte Abfertigungsbereiche auf 7,5 Hektar kahler und öder Fläche zeigen die Dimension dieser Anlage. Millionen Menschen sind hier durchgeschleust worden, oft mit sehr gemischten Gefühlen. In einem Dokumentationszentrum werden die Kontrollmethoden der "Grenzorgane" veranschaulicht. Marienborn ist aber noch etwas anderes: Das kleine Dorf zählt zu den historisch ältesten Wallfahrtsorten in Deutschland. Legenden ranken sich um eine Erscheinung Marias und die Entstehung des "Borns", der Quelle. Die alte Klosterkirche mit Kreuzgang ist noch erhalten.

In flotten Etappen fahren wir ein Stück an der Aller entlang (wer hätte sie dort als Grenzfluss vermutet?), überqueren den Mittellandkanal nahe Wolfsburg und gelangen in die Altmark nach Salzwedel. Außer Fachwerk und Backstein gibt es in Salzwedel noch eine örtliche Spezialität: Baumkuchen. Daran kommen wir natürlich nicht vorbei. Auf dem Altmark-Radweg rollen wir immer in Grenznähe weiter nach Schnackenburg. Hier an der Elbe sind wir am Ziel unserer Tour und wieder an einem Dreiländereck: Die Landesgrenzen von Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Brandenburg stoßen bei Schnackenburg zusammen. Der nächste Bahnhof ist gerade mal 20 km entfernt elbaufwärts in Wittenberge. Von dort aus geht es per Bahn nach Haus. 

Wissenswertes in Kürze

Allgemein:

Ein interessanter Weg, spannend und abwechslungsreich. Besonders wer sich für die jüngste Geschichte interessiert, kommt auf seine Kosten. Neben den erwähnten Grenzmuseen, gibt es noch zahlreiche weitere Museen zum Thema Grenze, die sich natürlich inhaltlich stark ähneln. Daneben findet man unterwegs immer wieder Gedenksteine, Hinweistafeln usw., die an besondere Begebenheiten an der Grenze erinnern. In dem sehr empfehlenswerten Radwanderführer "Deutsch-deutsche Grenze" des Europa-Abgeordneten Michael Cramer sind zahlreiche Einzelheiten über die Grenze zusammengefasst. Hier wird der Leser umfassend über alles Wissenswerte informiert. Das Buch beginnt mit einem geschichtlichen Abriss, es folgen Berichte über Fluchtversuche, Zwangsumsiedlungen, geschleifte Dörfer, die Grenzöffnung usw. Außerdem enthält der Reiseführer Landkarten, in die der vorgeschlagene Weg eingetragen ist. Das ist insofern ganz hilfreich, da die Strecke nicht beschildert ist. Dieser Reiseführer sollte bei der Tour keinesfalls fehlen! 

Titel des Radreiseführers:

Michael Cramer, Deutsch-Deutscher Radweg, Am grünen Band von der Ostsee zur tschechischen Grenze, bikeline-Radtourenbuch und Karte 1 : 75.000, Esterbauer-Verlag, ISBN 978-3-85000-220-2, 11,90 EUR. - Der Weg ist hier in Nord-Süd-Richtung beschrieben. Rezension siehe PETT MAN SÜLM! 4/2007, S. 30.

Museen zum Thema Grenze

Es gibt gut zwei Dutzend Grenzmuseen, sie sind zu finden unter www.grenzerinnerungen.de/museen. 

 

Internet

Ein Film über diese Tour (29 Minuten) ist zu finden unter

http://www.wdr.de/tv/servicezeit/sendungsbeitraege/2010/kw39/0928/00_grenzerfahrung_mit_dem_rad.jsp 

 

An- und Abreise

Anreise nach Hof in Bayern, von dort ca. 15 km zum Dreiländereck; Abreise von Wittenberge oder Dannenberg mit der Bahn oder weiter mit dem Rad an der Elbe entlang bis Lauenburg, dann nördlich bis Travemünde-Priwall ... oder umgekehrt. 

kh

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