03.07.2011 von Frank Spatzier

Radreise zwischen zwei Welten -

oder wie sich die Fahrradkultur in Berlin von der in Lübeck unterscheidet

Hier könnte eigentlich die Schilderung einer kleinen Radreise von Lübeck nach Berlin stehen. Von 400 Kilometern schönster Fahrradrouten durch die Mecklenburgische Schweiz,  die Mecklenburgische Seenplatte und die Mark Brandenburg. Doch in den Fokus sollen zur Abwechslung mal Start- und Endpunkt der Reise rücken. Und das aus gutem Grund..

Hier könnte eigentlich die Schilderung einer kleinen Radreise von Lübeck nach Berlin stehen. Von 400 Kilometern schönster Fahrradrouten durch die Mecklenburgische Schweiz,  die Mecklenburgische Seenplatte und die Mark Brandenburg. Doch in den Fokus sollen zur Abwechslung mal Start- und Endpunkt der Reise rücken. Und das aus gutem Grund...

Lübeck, Kanalstraße. Während sich der Autoverkehr auf ganzen vier Spuren genüsslich ausbreiten darf, müssen sich Radfahrer den kombinierten Rad- und Gehweg mit Fußgängern teilen. Heikel wird das gerade vor den Geschäften, wo auf dem ohnehin schon knappen Raum besonders viel los ist. Kurz vor der Hüxstraße endet die Benutzungspflicht und man muss rauf die Fahrbahn. Da ist es nicht ungewöhnlich, von Autofahrern angehupt zu werden. „Revierverhalten“ würden das Psychologen nennen, „naive Borniertheit“ trifft es aber auch ganz gut.

Ähnlich geht es an der Großbaustelle am Kaufhof im Stadtteil Marli zu. Weil man Platz für Baubuden auf dem Rad- und Gehweg brauchte, wurde dieser für Radfahrer einfach gesperrt. Da spielte es auch keine Rolle, dass es sich um eine zentrale Verbindung vom Osten in Richtung Stadtmitte handelte. Und auch hier geht das Gehupe los, sobald man sich mit dem Rad - übrigens völlig legal! - auf die Fahrbahn wagt, um die lästige Ausweichstrecke zu vermeiden. Durch die alte und schöne Hansestadt weht in Sachen Verkehrskultur also ein veralteter und hässlicher Wind. Von einer Gleichberechtigung der Verkehrsteilnehmer weit entfernt, fristen Radfahrer oft ein Randdasein. Und das zeigt sich nicht nur im aggressiven Verhalten von Autofahrern, sondern auch in der defensiven Haltung vieler Radfahrer. Zu guter Letzt wären da noch benutzungspflichtige Radwege in miesem Zustand, komplizierte und gefährliche Kreisverkehre sowie Passagen mit grobem Kopfsteinpfl aster. Keine Stadt für den Radurlaub - also ab nach Berlin!

Es sind nur 400 Kilometer Radroute, die zwischen zwei völlig unterschiedlichen Radfahrwelten liegen. Schon ab Hennigsdorf gleite ich auf einem guten Radweg entlang der Havel nach Berlin-Spandau. Es geht idyllisch zu und eine gute Beschilderung weist mir den Weg in Richtung Berlin-Mitte. Noch scheint mir Deutschlands größte Großstadt eine Gnadenfrist zu gewähren, denn der Radweg leitet mich durch kleine Gartensiedlungen und entlang ruhiger Kanäle. Allenfalls der schwache Lärm naher Straßen erinnert mich daran, dem Berliner Zentrum immer näher zu kommen.

Irgendwann kommt es, wie es kommen muss: es wird ernst und ich stürze mich bei Charlottenburg mitten ins Verkehrsgetümmel. Doch die Radwege sind breit und überwiegend in gutem Zustand. Keine Wurzelaufbrüche gefährden meine Speichen, auch die Schlaglöcher des vergangenen Winters scheinen fast alle beseitigt zu sein. An den Kreuzungen gibt es eigene Fahrrad-Ampeln, die Radlern auch mal vor den Autos Grün geben, um sie sicherer passieren zu lassen. Am Kreisverkehr am Ernst-Reuter-Platz führt mich eine vorbildliche Radverkehrsführung sicher auf die Straße des 17. Juni, die von einem großzügigen Radweg begleitet wird. Am Tiergarten kann ich diesen auch verlassen und durch die ruhige Grünanlage radeln. Alles nichts besonderes, könnte man denken, Berlin hat eben gute Radwege.

Stimmt, denn es ist eigentlich etwas anderes, das die spezielle Radfahrkultur der Hauptstadt ausmacht. Was es ist, lerne ich einen Tag später im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg kennen. Dort sieht es in Puncto Radwege mancherorts etwas dürftiger aus. Vorbildlich sind markierte Radspuren auf einigen Fahrbahnen. Weniger vorbildlich ist dagegen, dass sie von Autofahrern gerne als Allzweckstreifen genutzt werden. Also lautet die Devise: Rauf auf die Fahrbahn!

Zunächst ein wenig angespannt erwarte ich ein erstes Hupen, doch es bleibt aus. Niemand scheint sich an mir zu stören, und das sogar im beginnenden Berufsverkehr. Einen Tag darauf bin ich dann vollends angekommen im Berliner Fahrradkosmos. Wie alle anderen radele ich auf den Fahrbahnen großer verkehrsreicher Straßenund nehme mir wie selbstverständlich den Raum, den ich benötige. Sogar wenn ein benutzungspflichtiger Radweg mal durch Passanten entwidmet wird, stört sich niemand an meiner Anwesenheit auf der Straße. Vorbei ist es mit der unnötigen Bescheidenheit und Defensive, die Radfahrer in Lübeck oft überkommt. Und einen großen Schritt näher am Ideal der Gleichberechtigung der Verkehrsteilnehmer. Allein schon deshalb ist Berlin eine Radreise wert! (fs)

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