08.06.2012 von PETT MAN SÜLM! Redaktion

Radfahren mit Ecken und Kanten: Erfahrungen eines Polizeibeamten

Stephan Steffen zeigt den jungen Radfahrer, worauf sie im Straßenverkehr besonders achten müssen. (Foto: Landespolizeiamt)
Stephan Steffen zeigt den jungen Radfahrer, worauf sie im Straßenverkehr besonders achten müssen. (Foto: Landespolizeiamt)

Ob denn die Landespolizei Schleswig-Holstein nicht auch einen Beitrag für die Jubiläumsausgabe der PETTMANSÜLM anlässlich des Schleswig-Holstein-Tages schreiben könnte? Diese Anfrage landete nach Umwegen in meinem E-Mail-Postfach. Ohne lange nachzudenken, sagte ich zu.

Eigentlich könnte die Voraussetzung für diese Aufgabe nicht besser sein (dachte ich), denn fast täglich fahre ich 9495 Meter mit meinem verkehrssicheren Fahrrad zur Dienststelle, arbeite tagsüber im Sachgebiet „Polizeiliche Prävention“, auch im Bereich der Verkehrsunfallprävention, begleite das Thema rund ums Fahrrad schon seit mindestens 30 Jahren und fahre nach Dienstschluss wieder 9215 Meter mit dem Rad nach Hause. Beim weiteren Nachdenken über den Inhalt meines Beitrags wurde mir klar, dass das Thema Fahrradfahren – gerade aus Sicht eines Polizeibeamten – ein weites Feld mit Ecken und Kanten bietet.

Vordergründig bewegt mich die Antwort auf die Frage, ob die Polizei ihren Beitrag dazu leisten kann, dass das Fahrradfahren in Schleswig-Holstein – jedenfalls im öffentlichen Verkehrsraum – sicherer werden kann, und zwar nicht nur für Radfahrer, sondern für alle beteiligten Verkehrsteilnehmer.

Es gilt natürlich zunächst auf die gesetzlichen Aufgaben zu schauen, die ein Tätigwerden der Polizei erforderlich machen. Bezogen auf die Fahrradfahrer steht hier die Überwachung der Verhaltensvorschriften aus der Straßenverkehrsordnung und Straßenverkehrszulassungsordung im Vordergrund; auch wenn kontrovers über den Sinn und Unsinn einzelner Regelungen dieser Verordnungen diskutiert wird. Und ich denke, dass es beispielsweise keinen Entscheidungsspielraum (Ermessen) darüber gibt, ob ein Fahrrad mit einer Beleuchtungseinrichtung ausgerüstet und dass diese bei entsprechenden Lichtverhältnissen auch eingeschaltet werden muss. Technische Mängel sind natürlich nicht zu entschuldigen, aber mit einem Blick auf die Verkehrsunfallursachen nicht vordergründig.

Hier gilt es, auf das tatsächliche (Fehl-)Verhalten aller Verkehrsteilnehmer zu schauen, welches ursächlich für die Entstehung von Unfällen ist. Mit einem Rückblick auf die Unfallzahlen unter Beteiligung von Fahrradfahrern aus dem Jahre 2011 gilt es, Ideen zu entwickeln, um gezielt auf die Ursachen einzuwirken. Bei 50 % aller Verkehrsunfälle, an denen Radfahrer beteiligt sind, setzt der Autofahrer die Ursache. Fehler beim Abbiegen, Vorfahrtsmissachtungen und Unachtsamkeit beim Ein- und Ausfahren in den fließenden Verkehr sind Hauptunfallursachen, bei denen die Autofahrer die Radfahrer „nicht sehen“ und somit Unfallverursacher sind.

An dieser Stelle möchte ich das Thema „Sichtbarkeit“ von Radfahrern deutlich machen. Unabhängig von der Schuldfrage bei einem Verkehrsunfall führt das Tragen reflektierender Warnwesten und Fahrradhelmen sowie das Einschalten der Beleuchtung auch am Tage zu mehr Sichtbarkeit im Sinne von „gesehen werden“. Autofahrer sind damit natürlich nicht von ihrer Verpflichtung befreit, anderen Verkehrsteilnehmern gegenüber eine besondere Rücksicht zukommen zu lassen. Schließlich werden die Hauptunfallursachen am Anfang jeden Jahres öffentlich bekannt gemacht. Dem Verkehrsjahresbericht ist natürlich auch zu entnehmen, in welchen Fällen Radfahrer die Ursache für einen Unfall setzen. Vorrangig ist hier die „nicht angepasste Geschwindigkeit“ zu nennen. Fahrrad und Radfahrer werden immer schneller und können in Gefahrensituationen nicht mehr angemessen reagieren. Auch das Thema „Alkohol am Lenker“ spielt eine nicht zu vernachlässigende Rolle.

Dabei kann es natürlich nicht alleinige Aufgabe der Polizei sein, Lösungen zur Beseitigung  dieser Ursachen zu finden. Verkehrskontrollen und die damit verbundene Möglichkeit, Verwarnungs-/ oder Bußgelder zu verhängen, verbunden mit einer Belehrung als Mahnfunktion allein scheinen das Problem aber nicht zu lösen. Die in der Öffentlichkeit angeregte Diskussion über vergleichsweise zu geringe Strafen für Verstöße von Radfahrern wird sicherlich in anstehenden Gesetzgebungsverfahren aufgegriffen, beraten und entschieden werden.

Einen wesentlichen Beitrag leistet die Polizei im Netzwerk mit Schule und anderen Partnern der Verkehrssicherheitsarbeit bei der Radfahrausbildung von Kindern  ab der vierten Jahrgangsstufe. Das Rad ist das erste Verkehrsmittel, mit dem Kinder selbständig ihre Umgebung erkunden. Rad fahren macht sie mobil und erschließt ihnen eine neue Welt. Die Radfahrausbildung bereitet die Schüler darauf vor. Nicht unberücksichtigt darf die Tatsache bleiben, dass die Kinder, die aufgrund von Bewegungsmangel Förderbedarf haben, deutlich zunehmen. Hier sind insbesondere die Eltern gefragt, ihre Kinder an die sichere Verkehrsteilnahme heranzuführen, denn Eltern sind die Verkehrserzieher Nr. 1. Als ehemaliger „Polizeiverkehrslehrer“ sehe ich die Ausgabe des so genannten Fahrradführerscheins (Bescheinigung über die bestandene Fahrradprüfung) skeptisch, da sich viele Eltern in dem Glauben wiegen, ihre Kinder seien jetzt staßenverkehrstaugliche Fahrradfahrer. Hier ist eine kontinuierliche Begleitung und Kontrolle durch die Eltern erforderlich.

An dieser Stelle gestatte ich mir noch eine persönliche Anmerkung zur Helmpflicht: Auf die Frage sehr vieler Kinder, warum denn die Erwachsenen keinen Helm tragen (müssen), war und bleibt es sehr schwer eine logische Begründung zu finden, um das Nichtragen zu rechtfertigen.

Fazit: Radfahren wird immer attraktiver, Fahrräder technisch perfektioniert ausgerüstet und durch neue Antriebe auch für viele Menschen zum neuen Verkehrsmittel. Das in der Bevölkerung wachsende Gefahren- und Umweltbewusstsein wird voraussichtlich dazu führen, dass die zur Verfügung stehende Verkehrsfläche eine Aufteilung erfahren muss, die ein gefahrloses Miteinander aller Verkehrsteilnehmergruppen möglich macht. Damit zukünftig ein rücksichts- und verständnisvolleres Miteinander der verschiedenen Verkehrsteilnehmergruppen im Straßenverkehr erfolgt, würde es ausreichen, wenn alle den Inhalt des § 1 der Straßenverkehrsordnung beachten und auch anwenden würden. Kontrollen und Bußgelder allein werden nicht ausreichen, das Verhalten von Verkehrsteilnehmern zu beeinflussen; Prävention und Vorbildfunktion, getragen von vielen Organisationen und Verantwortlichen in unserer Gesellschaft, sollten weiterhin im Vordergrund stehen.

Stephan Steffen,
Landespolizeiamt SG 141, Zentralstelle Polizeiliche Prävention, Kiel

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