02.01.2014 von Meike Roggenkamp

Radeln und Zelten im Oktober? Ein Versuch in Süddeutschland

Foto: Klaus Holst

Keine Frage: Der Sommer ist die beste Jahreszeit für Radwanderungen in den gemäßigten Breiten Nordeuropas – besonders, wenn nach eigener Vorstellung die Übernachtung im Zelt unbedingt dazugehört. Was also tun, wenn es erst im Oktober Urlaub gibt? Die Antwort: Trotzdem fahren, unvoreingenommen prüfen, wie empfehlenswert Herbstradeln ist, und für eventuelle Notfälle bis hin zum Abbruch der Aktion gut gerüstet sein. Hier ist das Ergebnis:

Die Vorbereitung

Hauptakteure der Untersuchung waren zwei bewährte Tourenräder der vsf fahrradmanufaktur, gefahren von einem mittelalten, im Alltags- und Ferienradeln routinierten Ehepaar. Als Testgebiet wurde Süddeutschland ausgewählt, versprachen doch die Meteorologen nur drei Tage mit vereinzelt kurzen Regenschauern und im Anschluss warme, trockene Spätsommertage für mindestens eine der insgesamt zwei Urlaubswochen. Start- und Zielpunkt war – in Kombination mit einem Verwandtschaftsbesuch – die Stadt Mainz, die Rundtour selbst sollte über regionale und nationale Radwanderrouten südlich bis Straßburg und östlich bis Bamberg führen.

Als Wegweiser dienten ADFC-Radwanderkarten, Bikeline-Karten und (dort wo es nichts davon gibt) die Generalkarte, sowie ein GPS-Gerät, auf das zudem alle im Internet erhältlichen Angaben über die Campingplätze und – für unvorhersehbare Notfälle – Bett-und-Bike-Betriebe des Gebiets geladen wurden. 

Und dann ging es los – zunächst aber mit einer Probetour im Mainzer Randgebiet, da sich für unseren zweiten Urlaubstag „ganz plötzlich“ ein großes, kräftiges Regengebiet angekündigt hatte, das wir lieber im festen Mainzer Quartier abwarten wollten. Durch diese Zeitverkürzung wurde der Besuch von Straßburg gestrichen und somit Karlsruhe der südlichste Tourenpunkt.

Die Rundfahrt von Mainz über Ingelheim nach Sörgenloch und zurück (ca. 65 km) führte durch Obstplantagen, Weinberge, Industriegebiete und Dörfer auf sowohl flachen als auch sehr steil bergauf und bergab gehenden Wegen und entsprach damit der großen Tour im Miniaturformat. Besonders gefallen haben uns die Fahrradreparatur-Stationen, die am gut ausgeschilderten Selztal-Radweg auf die (kostenlose) Nutzung warten.

 

Die Radwanderung – Tops und Flops 

a) Das Wetter 

Anders als vorhergesagt war der süddeutsche „goldene Oktober“ eher mit typisch norddeutschem Schietwetter vergleichbar: Viel Regen und zumeist einstellige Höchsttemperaturen zwangen fast täglich zur ausgiebigen Nutzung der kompletten Regenzeug-Garnitur. Nur der Wind fehlte, um sich wie zu Hause zu fühlen. Wie gut, dass die Fahrräder über einen Rundum-Kettenschutz verfügten und somit unabhängig vom Verschmutzungsgrad der Radwege wartungsfrei ihren Dienst taten. Eine weitere Folge des Wetters war viel Hochnebel, der sich nur langsam – wenn überhaupt – verzog und die Schönheit der Landschaft oft nur erahnen ließ. 

 

b) Die Radwege 

Insgesamt wurden zwölf internationale, nationale und regionale Radwanderwege auf der Tour genutzt, wobei diese zum Teil streckenweise identisch sind. Dadurch waren an einigen Stellen die Hinweisschilder aufgrund der vielen angebrachten Radwegsymbole etwas unübersichtlich. An anderen Stellen – zum Beispiel in Würzburg – stimmte die Wegführung in der aktuellen Ausgabe der Radwanderkarte nicht mit der tatsächlichen Beschilderung überein. 

Der Zustand der Wege ist überwiegend sehr gut und eine echte Erholung, wenn man z. B. die Radwege in Rendsburg-Eckernförde gewohnt ist: Nur selten muss aufgrund von Schlaglöchern, Baumwurzelerhebungen, schmaler Betonplatten oder ähnlicher Widrigkeiten der Blick ganz auf die Streckenführung konzentriert werden. Die Verschmutzung der Wege durch den landwirtschaftlichen Verkehr ist allerdings so stark wie in Norddeutschland.

Im gesamten Gebiet gibt es viele alte, ungenutzte Obstbäume. Wer will, kann daher jederzeit Äpfeln und Birnen unbekannter Sorten kosten. Ein großer Teil der Früchte bleibt aber als Fallobst auf den Wegen birgt eine gewisse Rutschgefahr.

Die folgenden Radwanderwege haben bei uns einen besonderen Eindruck hinterlassen:

  • Radweg Deutsche Weinstraße: Der Radweg wurde zwischen dem nördlichen Beginn in Bockenheim und Leinsweiler bei Landau genutzt und ist als recht monoton zu bezeichnen (Weinanbau-Massenkultur soweit das Auge reicht). Die Wegführung verläuft in sinnlosem Bergauf und -ab schlangenlinienartig von der wesentlich angenehmer zu befahrenden Bundesstraße weg und wieder zurück. Innerhalb der ab und zu auftauchenden Weinorte laden überwiegend Gasthäuser zur Weinverkostung ein, was auf Dauer keine Abwechslung ist.
  • Rheinweg bei Karlsruhe: Dass man so schön durch das Karlsruher Industriegebiet radeln kann, war nicht zu erwarten. Auf einem Schutzdeich neben einem teilweise renaturierten Altarm geht es durch Naturschutzgebiete, während am anderen Ufer die Ölraffinerie und ähnliche Industrieschönheiten hinter viel Grün (und aufgrund von Warnschildern wie „bei Alarm das Gebiet sofort verlassen!“) zu erahnen sind. Beim Turbinendampf-Kohlekraftwerk muss über eine Treppe mit Schieberinne die Uferseite gewechselt werden, was aber bei einem bepackten Zweirad zu zweit problemlos machbar ist.
  • Kraichgau-Hohenlohe-Radweg: Dieser Weg wurde komplett abgefahren und lohnt sich auf der gesamten Strecke. Die vielen, teilweise sich auf mehrere Kilometer hinziehenden Steigungen bis 15 Prozent bieten einen tollen Blick auf die schwäbische Landschaft mit ihren originell benannten Bergen (Arme- Sünder-Steige, Schindelberg) und Flusstälern – wenn das Wetter mitmacht ... Die Städte Heilbronn und Rothenburg bieten etwas Abwechslung, wenn Kultur gefragt ist.

Was insgesamt fehlt, sind bei den angetroffenen Wetterverhältnissen allerdings trockene und möglichst auch warme Sitzgelegenheiten für die notwendige Mahlzeit zwischendurch bzw. – wenn vorhanden – eine genaue Ausschilderung. Auch die jeweils neuesten Auflagen der Radwanderkarten waren in dieser Hinsicht nicht aktuell.

 

c) Die Zeltplätze

Trotz sorgfältiger Vorbereitung war es oftmals eine echte Herausforderung, einen geöffneten Zeltplatz zu finden. Zwar gibt es zum Beispiel am Main-Wanderweg in Schweinfurt eine (auch mit ADFC-Logo ausgestattete) Hinweistafel mit Hotels und Pensionen; Hinweise auf die in der Wanderkarte oder im Internet angegebenen Campingplätze sucht man aber vergebens bzw. die Plätze sind anders als angegeben nicht für die Allgemeinheit bestimmt.

Oft gab es dann nur die Alternative, auf Nummer Sicher zu gehen und schon am frühen Nachmittag bei einem geöffneten Campingplatz Halt zu machen oder aber mehr Kilometer zu fahren als geplant, und dann aus Zeitgründen auf die Besichtigung von Sehenswürdigkeiten zu verzichten. Wenn dann auch die im Internet angegebenen Öffnungszeiten nicht mehr aktuell sind, muss in einem Fremdenzimmer übernachtet werden. In unserem Fall war der nächste Bett-und-Bike-Betrieb zu weit entfernt.

 

d) Das Zelten

Um vorweg die größte Sorge der Bedenkenträger zu zerstreuen: Wir konnten nachts auch bei Temperaturen um den Gefrierpunkt gut schlafen. Warm eingemummelt in Schlaf- und Jogginganzug reichen auch halb schützende Schlafsäcke vollkommen aus.  Wenn in den Gepäcktaschen auch ein Wasserkocher Platz findet, ist das Aufwärm-Problem auf dem Campingplatz sowieso gelöst, denn in den sanitären Anlagen gibt es immer Steckdosen, um sich Kaffee, Tee oder Brühe kochen zu können. Störend ist aber die Tatsache, dass man die meiste Zeit im Zelt nur auf dem Boden sitzend oder liegend verbringen kann. Was in Dänemark auf jedem Campingplatz dazugehört, nämlich Aufenthaltsräume mit zumindest Tischen und Bänken, ist in Deutschland nicht üblich. 

Auch die frühe Dunkelheit ist deswegen nicht zu unterschätzen: Wer sich nach einem anstrengenden Tag nicht mehr aufs Rad schwingen und das kulturelle oder kulinarische Nachtleben des Ortes (so vorhanden) unsicher machen will, muss sich ausreichend mit Akkus für die Zeltbeleuchtung und platzsparender Freizeitbeschäftigung ausstatten – oder viel schlafen.

 

Zusammenfassung: Ist „Herbstradeln mit Zelt“ in Deutschland empfehlenswert?

Hier ist ein klares „Jein“ die Antwort. Das Ja gilt der Landschaft und den meisten Radwegen, die – bei trockenem Herbstwetter – für Radtour-begeisterte Norddeutsche körperlich sogar besser zu bewältigen sind als in der Hochsommerhitze. Das Nein gilt der Campingsituation. Natürlich kann man immer argumentieren, dass es andere Übernachtungsmöglichkeiten gibt. Dagegen steht aber – neben den notwendigen Kapazitäten bei Gruppentouren – die Kostenfrage, zum anderen die innere Einstellung zum Urlaub, die auch „so naturnah/einfach wie möglich“ lauten kann. 

 

Unser Wunsch an den ADFC: Eine aktuelle Liste der vorhandenen öffentlichen Campingplätze inklusive der Öffnungszeiten erstellen und längerfristig ein Konzept für die Verdichtung des Campingplatznetzes für Radfahrer/-innen mit einfachen Mitteln.

Meike Roggenkamp

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