01.01.2012 von PETT MAN SÜLM! Redaktion

Rad und Rodel gut: Winterreifen fürs Rad - ein Erfahrungsbericht

von Denise Kupferschmidt

Im Februar 2010 hatte der Fahrradhändler meines Vertrauens ein Schild im Fenster: „Winterreifen mit Spikes vorrätig!“ Nun, damals sah es schon sehr nach Frühling aus, so dass ich die Ausgabe scheute. Aber ich sagte damals zu mir: „Vielleicht im nächsten Winter – falls es denn wieder so schneien sollte.“ An­scheinend hat jemand zugehört ...

So begab ich mich nach den ersten Schneefällen im November 2010 zu meinem Fahrradfachge­schäft. Mein Weg von der Arbeit nach Hause war einigermaßen rutschig gewesen, Teile der Strecke war ich zu Fuß gegangen. Ich bin lieber etwas vorsichtiger. Mein Radhändler hatte zwar nur noch einen Reifen auf Lager, den ließ ich mir aber vorsorglich schon mal auf den Vorderreifen ziehen. Es handelte sich dabei um den Schwalbe Marathon Winter (mit 240 Spikes), der mich 37 Euro kostete. Eine neue Lieferung Winterreifen wurde mir für die folgende Woche angekündigt. Da es ja auch fleißig weiter schneite und weiterhin schön kalt blieb, holte ich mir also dann noch einen Reifen mit Spikes für mein Hinterrad. Diesmal war es ein Continental Nordic Spike (auch mit 240 Spikes) für stolze 67 Euro. Man gönnt sich ja sonst nichts!

Muss man bei den Reifen wasBestimmtes beachten? Beide Reifen sehen sich sehr ähnlich. Sie weisen ein tiefes Profil auf (vergleichbar mit Mountain­bike-Reifen) und haben kleine Metallstifte ein­gesetzt. Das Profil soll die Griffigkeit bei Schnee erhöhen, die Metallstifte sollen bei Eis greifen. Dabei sind die Stifte wirklich klein, sie ragen nur etwa einen Millimeter aus der Lauffläche heraus und sind jeweils in zwei Reihen einmal mehr zur Mitte der Lauffläche und einmal mehr zum Rand angeordnet. So soll man auf geraden Strecken wie auch in Kurven sicher fahren können ohne wegzurutschen. 

Um bei Schnee und Eis einen noch besseren Griff zu haben, wird außerdem empfohlen, die Reifen eher mit weniger Druck zu fahren. Dies erhöht die Auf­lagefläche. Ich hatte zwischen 2 und 3 bar drauf, während Schnee lag. Maximal soll man 4,5 (Continental) bzw. 5 (Schwalbe) bar Druck auf dem Reifen haben. Schwalbe rät auf seiner Internetseite außerdem dazu, die Reifen erst einmal ca. 40 km auf Asphalt einzufahren, damit sich die Metallstifte richtig setzen können. Das habe ich jedoch nicht machen können, da zu dem Zeitpunkt, als ich den Reifen neu aufgezogen hatte, im gesamten Stadtgebiet wahrscheinlich keine 40 km freigeräumt waren.

Hat es sich gelohnt? Sicher sind die Winterreifen mit Spikes kein Allheilmittel, und man sollte auch weiterhin um­sichtig fahren (aber das machen ADFC-Mitglieder ja sowieso). Bei hoch aufgetürmtem, lockerem Schnee und bei Harsch fährt man sich auch mit diesen Reifen fest, daneben ist die Lenkfähigkeit durch die Schneemassen stark eingeschränkt (ungefähr so, als wenn man im Sommer mit seinen Reifen in Straßenbahnschienen gerät). Unangenehm zu befahren sind auch schon einmal angetaute Strecken mit Spurrillen und im Tauen begriffene Oberflächen, in die man einsinkt, weil dann auch hier die Möglichkeit zu lenken nicht mehr optimal gegeben ist. Auf geräumten Streckenabschnitten macht sich der geringere Reifendruck bemerkbar, man muss mehr Kraft aufwenden, um von der Stelle zu kommen. Man ist langsamer und an die Geräuschkulisse durch die Reifen muss man sich auch erst einmal gewöhnen.

Trotzdem überwiegen für mich die positiven Eigenschaften der Reifen. Bei geschlossener Schnee- und/oder Eisdecke habe ich eindeutig ge­merkt, dass das Profil und die Spikes einen guten und sicheren Halt bei der Fahrt bieten. Auch das Anfahren, Bremsen und sichere Anhalten waren für mich in diesem Winter kein Problem mehr. 

Ich wohne in einer Sackgasse, die in der Räumpri­orität einen der hintersten Plätze belegt. Da durch den Autoverkehr der Anwohner die Oberfläche im Winter sehr schnell in eine festgefahrene, rutschige Schnee-Eis-Decke verwandelt wird, war an einen Start – leicht bergan – mit normalem Profil nicht zu denken. Das Hinterrad dreht dann gerne durch. Mit den Winterreifen ist das kein Problem mehr. Auch punktgenau vor dem Haus zu halten ist mir jedes Mal gelungen, ohne auch nur einmal be­fürchten zu müssen, dass mir das Rad wegrutschen könnte. Sogar Stellen auf den Straßen und Wegen, die man als Fußgänger wegen Eises nur unter Lebensgefahr überqueren konnte, habe ich ohne größere Angst sicher passieren können – ich bin dort sogar lieber mit dem Rad gefahren als auch nur einen Fuß auf den Boden zu setzen. 

Übrigens laufen die Reifen mit mehr Druck auch wieder leichter und leiser. Und Probleme mit ver­lorengegangenen Spikes, wie im Internet häufiger berichtet wird, hatte ich auch nicht. Bisher fehlt noch bei keinem der Reifen auch nur ein Stift. Für mich hat sich die Anschaffung gelohnt, aber jeder möge da selber entscheiden. Ich zumin­dest fühle mich mit den Winterreifen insgesamt sicherer. Insgeheim habe ich es sogar manchmal bedauert, dass die Stadtverwaltung es dann doch ab und an geschafft hat, die Straßen zu räumen – wissen die denn nicht, wie schön es ist, durch die Win­terlandschaft zu radeln?

Denise Kupferschmidt

 

Tipps der Firma Schwalbe: Am besten greifen die Spikes, wenn der Reifen mit dem Mindestdruck um die 2,5 Bar aufgepumpt wird. Der empfohlene Luftdruck ist jeweils auf der Reifen-Seitenwand angegeben. Auch bei trockenem Wetter rollt der Reifen leicht und sicher auf der Straße. Allerdings sollte er dann mit rund fünfBar stramm aufgepumpt werden. Dann berühren die Spikes kaum noch die Straße, Rollwiderstand und Laufgeräusche werden minimiert. Bei Schneefall wird einfach etwas Luft herausgelassen, und der Spikereifen beißt sich wieder fest in den Untergrund. 

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Kommentar von mathes bock | 14.03.2012

dieser wirklich ausführliche Bericht hat mich sehr gefreut. In den letzten Jahren ist die Entscheidung, mir auch einen Satz Spikes zuzulegen an diesem legendären momentan nicht Lieferbar zerschellt. Dagegen bin längst einer weitaus kostengünstigeren Alternative verfallen. Wer genügend Platz im Rahmen hat, sollte mal den fünfziger big apple ausprobieren. Der macht zwar überhaupt kaum Eindruck mit dem bisschen Profil, verblüfft aber dennoch nun schon drei Winter in Folge durch unglaubliche Klebrigkeit selbst auf Eisplatten. Zwar will dieses gleich-rutschter-weg-Gefühl nie aus dem Hinterkopf, aber dennoch tut er es einfach nicht und beharrt stur auf den o.g. Fahreigenschaften - vorrausgesetzt ich bleibe auf den Pedalen und mit einer elementaren Ausnahme: Mangelnde Lenkfähigkeit gibt es nicht einmal in Straßenbahnschienen. Und im Minus traue ich mich sogar, auf über 4,5 bar zu pumpen, ohne Platzer in der Prallsonne zu riskieren.
Eine noch sicherere Ganzjahresvariante kann ich mir kaum vorstellen, ausser vielleicht im Gebirge.
schönste Grüße und moien wind,