25.12.2015 von PETT MAN SÜLM! Redaktion

Offener Brief zum Thema "Ratzeburger Allee"

Auch die Redaktion der PETT MAN SÜLM unterstützt das Anliegen der Initiative "Spurwechsel" in Lübeck. Ihr Mitglied Heiner Schuchard hat einen offenen Brief an Lübecker Kommunnalpolitikerinnen zur fahrradfreundlicheren Umgestaltung der Ratzeburger Allee verfasst - ausgesprochen lesenswert!

Sehr geehrte Frau Kaske, sehr geehrte Frau Metzner,

ich schreibe Ihnen aus Anlass des heute erschienenen Berichts in der "Lübecker Stadtzeitung" zur Kommunalspur.
Ich lebe seit 35 Jahren in Lübeck, mein bevorzugtes Verkehrsmittel in der Stadt ist das Fahrrad, zum einen, weil es praktisch ist und man schnell die gewünschten Ziele erreicht, zum anderen aus Umweltgründen, hier insbesondere aus Verantwortung gegenüber der jetzt heranwachsenden Generation einschließlich meiner Enkelkinder.

Ich bin in diesem Jahr für einige Tage mit dem Rad in Kopenhagen unterwegs gewesen und konnte dort ganz unerwartete, erstaunliche Erfahrungen sammeln. In dieser Stadt, in der seit weit über dreißig Jahren eine den Radverkehr unterstützende Politik betrieben wird, haben sich Veränderungen gegenüber z. B. dem Verkehrsverhalten in deutschen Städten herausgebildet, die mich sehr hoffnungsvoll machen, dass solches auch in Deutschland eines Tages möglich sein wird. Meine Erfahrung in wenigen Worten:

Das Verhalten von Radfahrern gegenüber dem motorisierten Verkehrsteilnehmern und ebenso in umgekehrter Richtung ist generell rücksichts- und verständnisvoll. Und auch das Verhalten der Radfahrer untereinander ist vor allem durch Rücksicht geprägt. Der Anteil des Radverkehrs an der Gesamtverkehrsleistung in Kopenhagen liegt bei nahe 50%. Die Verkehrsflächen sind folgerichtig zu Gunsten der Radfahrer ausgeweitet und nahezu alle Verkehrsteilnehmer sind auch häufig als Radfahrer unterwegs. Die damit einhergehenden Erfahrungen haben eine Herausbildung von rücksichtsvollen, kommunikativen Verhaltensmustern, z. B. an stark frequentierten Kreuzungen bewirkt, von denen wir viel lernen können.

Das aber wird nur möglich sein, wenn auch die äußeren Rahmenbedingungen stimmen, zu denen in vorderster Linie die Ausgestaltung der Verkehswege zählt. Ich wünschte mir sehr, dass möglichst viele Entscheidungsträger in Deutschland persönliche, intensive Radfahrer-Erfahrungen in Kopenhagen sammeln. Es könnte dazu dienen, vieles besser zu machen und den "Krieg" auf unseren Straßen zu beenden.

Und damit bin ich beim Anlass dieser Mail, der Planung zur Kommunalspur auf der Ratzeburger Allee. Ich bin Mitglied der Gruppe, die die Unterschriftensammlung zur Radspur auf dieser Staße durchgeführt hat. Meine Gründe dafür: Wenn ich in die Innenstadt fahre, tue ich das fast ausschließlich mit dem Rad über die Ratzeburger Allee. Ich weiß deshalb aus eigener Erfahrung, in welch zum Teil erbärmlichen Zustand die dafür zu benutzenden Radwege sind und wie gefährlich es ist, sie zu benutzen.

Das liegt einmal an den sehr schlechten Oberflächen der meisten Teilabschnitte, an nicht ausreichender, dem Verkehsaufkommen angemessener Breite der Radwege, aber im ganz wesentlichen an den Gefährdungen, denen Radfahrer an den Staßeneinmündungen ausgesetzt sind. Diese Einmündungen überfordern in vielen Fällen ein verkehrsgerechtes, rücksichtsvolles Verhalten der Kraftfahrzeug-Führer - gelegentlich fahre auch ich selbst Auto und mir passieren dann genau die Fehler, deren "Opfer" ich als Radfahrer so häufig bin.

Und so ist es auch unter Verkehrswissenschaftler eine Binsenweisheit, dass die innerstädtische Trennung von Verkehrswegen für Radfahrer vom allgemeinen Verkehr Sicherheitsprobleme schafft und nicht behebt. Gut und sicher dagegen ist es, wenn sich der Radfahrer auf der Staße im vollen Sichtfeld der KFZ-Teilnehmer bewegt, so dass keine Überraschungseffekte auftreten und man sich vorbereitet aufeinander verhalten kann. Das ist der Hauptgrund für unsere Initiative. Das hätte auch zur Folge, dass Radfahrer dann nicht mehr aus Mangel an Platz die Fußwege mitbentzen und damit Fußgänger gefährden. Wir wollen einen sicheren Verkehr für alle! Und nach meiner Kenntnis soll es unsicheren Radfahrern weiterhin gestattet sein, die bisherigen Radwege zu benutzen.

Sehr geehrte Abgeordnete, ich bitte Sie, sich meiner Argumentation zu öffnen und Ihre Stellungnahme zur Kommunalspur zu überdenken. Sie wird ganz sicher ein Gewinn für Lübeck sein, ein Schritt in der Verbesserung der Infrasruktur der Stadt. Und falls Sie Gelegenheit haben, fahren Sie Fahrrad in Kopenhagen! Und falls nicht, so schaffen Sie sich diese Chance!

Mit freundlichem Gruß!
Heiner Schuchard

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