09.11.2014 von Frank Spatzier

Mit Spaß für den Radverkehr eintreten: Critical Mass

Von Frank Spatzier

Freitag, kurz vor 19 Uhr. Vor dem Bismarck-Denkmal auf dem Lübecker Lindenplatz tut sich was. Radfahrerinnen und Radfahrer kommen aus allen Richtungen und bilden einen lockeren Haufen. Man begrüßt sich und klönt. Einige Räder sind mit bunten Lichterketten geschmückt, in den Wollmützen ihrer Fahrer stecken Leuchtstäbchen. Schließlich will man auffallen, denn wie an jedem ersten Freitag im Monat trifft man sich zur Critical Mass-Aktion in Lübeck.


Kurz nach 19 Uhr setzt sich die bunte Gruppe in Bewegung. Unter freudigem Klingeln biegt sie in den Kreisverkehr am Lindenplatz ein und dreht eine obligatorische Runde. Danach geht es kreuz und quer über Lübecks Straßen. Der Autoverkehr scheint mit Verwunderung auf den Radlerpulk zu reagieren, der diesmal nicht verschämt auf den Radwegen verschwindet, sondern selbstbewusst die Fahrbahn benutzt. Und das ganz legal.

Möglich wird das durch §27 der Straßenverkehrsordnung. Darin ist geregelt, dass mehr als fünfzehn Radler einen geschlossenen Verband bilden können. Wenn dieser als solcher erkennbar ist, entfällt nicht nur die unsägliche Radwegbenutzungspflicht, sondern der Verband gilt als ein Fahrzeug. Wenn also die ersten Teilnehmer bei Grün in eine Kreuzung fahren, dürfen alle anderen nachfolgen, auch wenn die Ampel zwischenzeitlich auf Rot schaltet.

 

Friedliche Aktion für die Rechte der Radfahrer

Und so radelt der Verband durch das abendliche Lübeck. Man unterhält sich mit seinem Nebenmann oder -frau, fachsimpelt, klönt und schaut auf die Reaktionen der anderen Verkehrsteilnehmer. Und immer wieder ertönt ein Chor von Fahrradklingeln, denn schließlich soll Aufmerksamkeit erregt werden - für die Rechte der Radfahrer. 

Critical Mass-Aktionen finden scheinbar spontan und unorganisiert statt. Es gibt weder Anführer, Organisatoren noch Tourenleiter. Vielmehr treffen sich die Teilnehmer einfach zu einer bestimmten Zeit und radeln los. Auch die Streckenverlauf entsteht spontan und zufällig. 

Mit der Präsenz auf den Fahrbahnen erobern sich die Radlerinnen und Radler den Verkehrsraum zurück, der ihnen zusteht. Und sie machen darauf aufmerksam, dass der Radverkehr auch in Lübeck mittlerweile einen enormen Stellenwert eingenommen hat. Einen Stellenwert, dem auch die Infrastruktur der Hansestadt weit hinterherhinkt. Noch immer sind viele der benutzungspflichtigen Radwege in marodem Zustand, viel zu eng oder werden nicht vom Herbstlaub befreit.

Und nicht zuletzt geht es darum, ein Umdenken zu bewirken: Weg von der Autozentriertheit hin zu einer Förderung umweltfreundlicher, sozialer und gesunder Mobilitätsformen.

 

Weltweite Aktionsform

Während die Teilnehmerzahlen in Hamburg vierstellig und in Kiel immerhin dreistellig sind,  schwächeln die Aktionen in Lübeck noch ein wenig. Zwar wird regelmäßig die „kritische Masse“ von sechzehn Teilnehmern locker überschritten, doch gemessen an anderen Kommunen braucht es in Lübeck noch etwas mehr Motivation und Werbung.

Vielleicht hilft es zu wissen, Teil einer weltweiten Bewegung zu sein. Critical Mass-Aktionen finden in vielen Großstädten rund um den Globus statt. Und das mit zum Teil beeindruckenden Teilnehmerzahlen. So radeln etwa in Budapest nicht selten bis zu 80.000 Radlerinnen und Radler durch die Innenstadt.

Verglichen damit geht es Lübeck eher familiär zu. Was nicht verkehrt ist, denn so lernt man in lockerer Atmosphäre viele interessante Leute kennen. Bei aller Unterschiedlichkeit vereint sie die Leidenschaft am Radfahren und ihr Eintreten für den Radverkehr.  

 

Unterschiedliche Reaktionen

So langsam scheinen sich die Autofahrer an die Aktionen gewöhnt zu haben. Hie und da ertönt ein aufmunterndes Hupen, auch ist hinter so mancher Windschutzscheibe ein freundliches Winken zu sehen. Auch die Passanten auf den Gehwegen schauen eher neugierig zu.

Doch das war und ist nicht immer so. Gelegentlich reagieren überforderte und rücksichtslose Autofahrer mit aggressivem Verhalten. Gefährliche Überholmanöver und Beschimpfungen sind dann die Reaktionen uneinsichtiger KFZ-Rowdies, die sich so als Verkehrsteilnehmer und Mitmenschen disqualifizieren.

Doch je größer der Radlerverband ist, desto größer ist auch der soziale Druck, den er ausübt. Und so wird mancher Wutausbruch hinterm Steuer schnell zur Peinlichkeit und die Critical Mass-Aktion zur verkehrspädagogischen Maßnahme.      

 

Mitmachen macht Spaß und ist wichtig

Nach einer knappen Stunde und etwas über zehn Kilometern Strecke geht es zurück zum Lindenplatz. Nach der obligatorischen Runde durch den Kreisverkehr löst sich die Gruppe vor dem Bismarck-Denkmal wieder auf. Wer Lust hat, trifft sich noch auf ein Bier zum Klönschnack. 

Was aber alle Teilnehmer mit nach Hause nehmen, ist das gute Gefühl, etwas Wertvolles für die Belange des Radverkehrs getan zu haben. Alle haben wieder einmal Flagge für die Rechte der Radlerinnen und Radler gezeigt, die tagtäglich auf den Radwegen und Straßen Lübecks unterwegs sind. Und sie haben mit ihrer geballten Präsenz auf den Fahrbahnen den Stellenwert des Radverkehrs verdeutlicht. 

Und natürlich freuen sich alle wieder auf den ersten Freitag im Dezember, wenn es wieder losgeht zur nächsten Critical Mass. Vielleicht treffen sie dann auf viele neue Gesichter, damit die ein noch deutlicheres Statement für den Radverkehr abgegeben werden kann.

Die nächste Critical Mass-Aktion in Lübeck startet am 5. Dezember um 19 Uhr auf dem Lindenplatz vor dem Bismarck-Denkmal. Weitere Infos auf der Facebook-Site Critical Mass Lübeck.

 

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