21.07.2014 von Frank Spatzier

Kurz mal nach Polen: Eine kleine Radreise von Lübeck nach Stettin

Kennen Sie es auch, dieses Kribbeln in den Beinen, sobald es Frühling wird? Dieses Gefühl, das Sie mit Nachdruck auf den Sattel und in die Ferne zwingt? Bei mir war es im April soweit, als mich ein paar freie Tage veranlassten, nach Stettin zu radeln. Keine große Sache Dank der Zugverbindung zwischen Lübeck und der Westpommerschen Hauptstadt - für den Rückweg.


Am ersten Reisetag stand der Kampf im Vordergrund, und zwar der Kampf mit den Elementen. Feuer, Wasser, Luft und Erde zählen seit alters her zu den vier Essenzen alles Seienden. Für mich relevant waren die letzten drei: Wasser, das von oben auf mich herab prasselte und Luft, die mich als heftiger Wind in die Gefahr brachte, mit dem Gesicht in der Erde zu landen.   

 

Trotzdem verlor ich bis Schönberg in Mecklenburg nicht den Mut. Auch klitschnasse Klamotten hinderten mich nicht daran, die lauschige Atmosphäre des kleinen Städtchens zu genießen. Doch langsam zeichnete sich ab, dass ich die geplanten 140 Tageskilometer bis Bützow nicht schafften konnte. Zu oft zwangen mich heftige Böen zum Schleichen - denn ein bepacktes Reiserad bietet dem Wind gute Angriffsflächen. Und so ging es bis Bad Kleinen mit der Bahn. Was nicht schlimm war, da mir die Routen zwischen Lübeck und dem Schweriner See ohnehin bestens geläufig waren. Also blieben dem Wind bis Bützow nur noch knapp 40 Kilometer, mich vom Rad zu pusten. Geschafft hat er es nicht.

 

Bützow begeisterte mich vom ersten Augenblick an. Besonders das neugotische Rathaus und der Schlossplatz mit seiner alten Bebauung belohnten die Strapazen. Lange schlenderte ich durch die engen Gässchen, bevor ich es mir auf dem Campingplatz in einer Holzhütte bequem machte.

 

Am nächsten Tag schien sich der Wind mit mir versöhnen zu wollen und schob mich entlang des Bützow Güstrow Kanals sanft bis Güstrow. Ab da war Schluss mit lustig, oder besser schön, denn die B104 ist nicht unbedingt ein Garant für den Genuss des mecklenburgischen Naturidylls. Als sich dann irgendwann auch der begleitende Radweg in Wohlgefallen auflöste, war Konzentration angesagt. Denn immer noch war der Wind stark genug, um überholende LKW zu gefährlichen Luftschleudern zu machen. Und davon gab es auf der B104 jede Menge.

 

Ab Teterow verbesserte sich die Lage, auch gesellte sich irgendwann wieder ein Radweg zur Bundesstraße. Allerdings wurde es auch zunehmend hügeliger, weil ich immer tiefer in die Mecklenburger Schweiz eindrang. Merke: Wenn das Wort „Schweiz“ in einer Regionenbezeichnung auftaucht, wird‘s anstrengend für Radfahrer. 

 

Dennoch kam ich dank des Rückwindes gut voran. So gut sogar, dass ich meiner Bundesstraße bis Neubrandenburg treu blieb. Auch diese Stadt faszinierte auf ihre besondere Weise. Vor allem die noch erkennbare sozialistische Architektur in der Innenstadt und den Randbezirken machte ihren Reiz aus. 

 

Nach Friedland-Cosa zu meinem Campingplatz radelte ich über kleine Landsträßchen. Das ist in diesen östlichen Breiten nicht ohne Risiko, denn die überraschen den Radfahrer gerne mal mit grobem Kopfsteinpflaster oder löchrigen Betonplatten. So wie etwa zwischen Rühlow und Eichhorst.   

 

Auch wurde zum Problem, dass es in keinem Dorf eine Einkaufsgelegenheit gab. So musste ich einen Umweg über Friedland fahren um nicht zu verhungern. Später aß ich im Zelt, während Regen auf die Plane prasselte.

 

Der Regen tat auch am nächsten Morgen sein Bestes. Die Brohmer Berge erlebte ich bei deprimierendem Novemberwetter, ebenso die Kreisstadt Pasewalk, die sicher auch bei strahlendem Kaiserwetter gräulich wirken dürfte. Über kleine Landstraßen und bessere Feldwege näherte mich schließlich der Grenze nach Polen. 

 

Als ich sie schließlich erreichte, war die Überraschung groß: Der kleine Grenzübergang, der nur für Radfahrer und Fußgänger da ist, war wegen Bauarbeiten gesperrt. Also schob ich mein Rad kurzerhand durch die Baustelle und grüßte die Arbeiter mit einem freundlichen „Djen Dobre“ (Guten Tag). Nun waren es noch knapp zwanzig Kilometer bis zum Ziel.

 

In Polen befand ich mich plötzlich in einer anderen Welt. Die Dörfer waren bestens ausgerüstet und verfügten über mindestens einen Lebensmittelladen. Es war, ich käme man aus der tiefsten Provinz endlich in die Zivilisation. Die Kehrseite der Medaille: Je näher ich Szczecin kam, desto dichter wurde der Verkehr. Radwege? Fehlanzeige. 

 

Die eigentliche Herausforderung stellte sich ab dem Ortsschild der Großstadt (400.000 Einwohner): Wie komme ich ohne Stadtplan vom Stadtrand zu meinem Hotel mitten in der Innenstadt. Was folgte, war eine navigatorische Bestleistung. Mit Intuition und Bauchgefühl gelang es mir, mein Hotel zu erreichen - und zwar ohne Umweg. Es ist wohl doch gut für das Gehirn, Navigationsgeräte abzulehnen. 

 

Den späten Nachmittag und Abend schlenderte ich durch die Hauptstadt der Woiwodschaft Westpommern mit ihren unzähligen Jugendstilbauten. Am Morgen darauf brachte mich die Bummelbahn von Szczecin in vier Stunden zurück nach Lübeck. Auch ein Genuss. Denn das Schöne an einem langsamen Zug ist, das man die Landschaft noch einmal an sich vorbeiziehen und die Radfahrt Revue passieren lassen kann. 

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