03.07.2010 von PETT MAN SÜLM! Redaktion

Konferenz „Wirtschaftsfaktor Fahrrad“ am 25. März 2010 in Rostock

Das Land Mecklenburg Vorpommern lud in Zusammenarbeit mit der IHK und dem ADFC zu einer Konferenz mit dem Titel „Wirtschaftfaktor Fahrrad“ ein und fast 120 interessierte Teilnehmer aus Verbänden, Wirtschaft, Touristik und Behörden kamen nach Rostock. Das Interesse an diesem Thema war ausgesprochen groß, rief doch nicht nur ein kleiner Verband zu diesem Treffen auf, sondern der Minister für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus Mecklenburg-Vorpommerns, Jürgen Seidel.

Fünfzehn Minuten später als geplant trifft der Minister auf der Veranstaltung ein. Allzu menschliche Gründe halten Jürgen Seidel davon ab, pünktlich zur Eröffnung zu erscheinen. Seine Tochter, im Ausland arbeitend, war zu Besuch, und er musste sie noch ordentlich verabschieden, bevor sie sich wieder für lange Zeit ihren Aufgaben fern der Heimat widmet. In seiner Begrüßung hebt Minister Seidel hervor, dass die IHK, die sonst nur die Vorfahrt für den Wirtschaftsverkehr sieht, diesmal den Radverkehr offensiv unterstützt und bedankt sich für das Engagement rund um diese Veranstaltung. Er hebt die starke wirtschaftliche Bedeutung des Radverkehrs im Tourismus hervor und spricht als Vorbild die Zertifizierung der Radfernwege in Brandenburg an. Hier sieht er für sein eignes Land noch erheblichen Nach- holbedarf. Diesen Nachteil möchte er in der nächsten Zeit beseitigen.

Mit bisher vier barrierefreien Touren und den touristischen Einsatz von E-Bikes auf Rügen will sich das Land auf neue Gästestrukturen vorbereiten. Zurzeit wird untersucht, wie sich auf dem Radfernweg „Berlin – Kopenhagen“ E-Bikes einsetzen lassen. Aber nicht nur die Bedeutung für den Tourismus, sondern mindestens ebenso wichtig ist es dem Minister, auf die Wichtigkeit für den Rest der Wirtschaft hinzuweisen. Diese werde allzu gerne unterschätzt. Das lässt sich nicht nur an der Anzahl der Arbeitsplätze, sondern auch an Aspekten der Gesundheit, der Kosteneinsparung, der Infrastruktur und vielen anderen Beispielen erkennen.

Die Grundlagenuntersuchung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie zum Fahrradtourismus in Deutschland hat ergeben, dass mit mehr als 9 Milliarden Euro Umsatz durch den Radtourismus in Deutschland hier schon lange keine kleinen Brötchen mehr gebacken werden. Etwas, was innerhalb der Studie sehr ins Auge sticht, ist, dass Schleswig-Holstein als einziges Land der Bundesrepublik mehr normale überörtliche Radwege zur Verfügung stellt, als touristische Radrouten. Während Bayern ein nahezu ausgewogenes Verhältnis von Radwegen aufweist und in der Beliebtheit der Radreiseregionen auf dem ersten Platz erscheint, schafft es Schleswig-Holstein nicht einmal unter die ersten Zehn. In diesem Kontext bekommt die Untersuchung des schleswig-holsteinischen Landesrechnungshofes zu den Radwegekosten nochmals eine besondere Bedeutung.

Im Schnitt haben Radtouristen ein höheres Durchschnittseinkommen und lassen mehr Geld in der Region als Ottonormaltourist. Um dieses Potential zu nutzen, ist es erforderlich, dem Radtouristen eine qualitativ hochwertige Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Angefangen von der Wegeführung über die Beschilderung bis hin zur Ausstattung mit Rastplätzen, Abstellanlagen und Gastronomie möchte der Radtourist in erster Linie Qualität vorfinden. Dieter Brübach von „Baum e.V.“ (Bundesdeutscher Arbeitskreis für umweltbewusstes Management e.V.) schlägt die Brücke zum allgemeinen Wirtschaftsleben. Neben den allgemeinen Vorteilen des Radfahrens wie die Unabhängigkeit vom Öl, Verringerung der Kosten für die Verkehrsinfrastruktur und der Einsparung von tausenden Tonnen CO2 pro Jahr, benennt Brübach auch handfeste Vorteile, die sich für die Unternehmen direkt in der Kasse bemerkbar machen. So hat eine niederländische Studie nachweisen können, dass Radfahrer im Schnitt 1 Tag pro Jahr weniger krank sind als ihre Auto fahrenden Kollegen.

„Baum e.V.“ arbeitet eng mit den Behörden und Unternehmen zusammen, um sie bei der Umsetzung umweltrelevanter Fragen zu beraten und zu unterstützen. So wurde zum Beispiel als PR-Aktion für E-Bikes, eine „Pedelec- Trophy“ geschaffen. Ein richtig gutes Beispiel dafür, dass es möglich, ist das Verkehrsverhalten seiner Mitarbeiter zu beeinflussen und dabei auch noch Vorteile zu erlangen, kamen von Jörg Krischak von der Uniklinik in Lübeck. Nachdem alle Möglichkeiten der Parkraumschaffung ausgeschöpft waren und der Druck des motorisierten Individualverkehrs trotzdem nicht in den Griff zu bekommen war, hat man sich nicht nur gegen neuerliche Erweiterungen des Parkraumes ausgesprochen, sondern sich für eine Verringerung eingesetzt. Als erste Maßnahme wurden von allen Nutzern Parkgebühren erhoben. „Und wenn ich von allen sage, meine ich auch alle,“ sagte Krischak leicht verschmitzt, „vom Studenten bis hin zum Chef. Wer auf dem Gelände parken will, muss zahlen.“ Gleichzeitig wurde der Zugang mit den ÖPNV verbessert, und für Fahrradfahrer gibt es an allen günstigen Zugangspunkten zu den Gebäuden qualitativ hochwertige Abstellanlagen. Ingesamt sind 2.660 Fahrradparkplätze entstanden. Dienstfahrräder für den kurzen Weg innerhalb des Geländes, eine eigene Fahrradwerkstatt, Umkleidemöglichkeiten und eine aktive Werbung für das Fahrrad haben dazu geführt, dass man heute mit weniger Parkraum für PKW auskommt. Die gesparten Gelder werden zum Teil wieder in die Förderung des Radverkehrs investiert. Alle diese Maßnah- men haben dem Unternehmen im Jahr 2003 den ersten Platz im Wettbewerb „Gewinnfaktor Fahrrad“ in Schleswig-Holstein eingebracht.

Fahrradverleihsysteme wie von Ralf Kalupner mit seinem Unternehmen „nextbike“ vorgestellt, ergänzen den ÖPNV in den Städten auf kurzen Strecken in optimaler Weise. Einfache Mietbedingungen und Verfügbarkeit der Räder an wichtigen Verkehrsknotenpunkten animieren zur Nutzung und entlasten spürbar den Verkehrsraum. Hier gibt es nach Meinung von Kalupner noch ein Entwicklungspotential. Natürlich ist auch der Einzelhandel von der steigenden Zahl der Radfahrer positiv betroffen, Nicht nur, dass immer mehr Bundesbürger das Fahrrad als hochwertiges Verkehrsmittel entdecken und die Verkaufszahlen nach oben noch Spielraum lassen, auch der Anspruch an die Qualität des Fahrrades steigt. So werden immer häufiger höhere Preise für selbige gezahlt.

Als Fazit ist zu erkennen, dass sowohl das Interesse am Radfahren zunimmt, als auch die Ansprüche an die Qualität der Infrastruktur. Wer das Fahrrad als Wirtschaftsfaktor nutzen möchte, muss Mobilität als Ganzes wahrnehmen, zukunftsfähige Infrastruktur schaffen, Maßnahmen wagen, die unter Umständen noch nicht dem Mainstream entsprechen. Wer Systeme und Ideologien aus den 70ern und 80ern pflegt, wird zum Schluss nur noch die Krümel vom Radverkehrskuchen naschen können.   

(Wolfgang Kromat)

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