08.10.2013 von Klaus Holst

Keine Leisetreter in RAD OLDESLOE

Ein Besuch im Radladen der Stormarner Werkstätten

Lag es am Nieselregen, der sich gleichmäßig auf meiner Brille verteilt hatte? "Rad Oldesloe" war da zu lesen. Doch die Zeichnung eines Rennradlers, der zwischen den Buchstaben hindurch fuhr, machte mir schnell klar: Es geht hier nicht um einen Verschreiber, sondern tatsächlich um Fahrräder. Hier, am Rande eines Gewerbegebietes von Bad Oldesloe zwischen den Werkhallen von Hako-Kehrmaschinen und ArcelorMittal-Stahl, der Kfz-Zulassungsstelle und Lkw-Riesen befindet sich der Ort meiner Verabredung: die  Stormarner Werkstätten, Arbeitsplatz von Menschen mit Behinderungen.

Die Brille ist geputzt, nach einigem Suchen finde ich die Eingangshalle. Dort haben sich zahlreiche Menschen in unterschiedlichster Arbeitskleidung versammelt, offenbar machen sie gerade "Fofftein". Ein netter Blaumann-Mann, den ich anspreche, erklärt sich spontan bereit, mich zur Fahrradwerkstatt zu begleiten. Auf dem Wege dorthin sehe ich, dass es hier nicht nur um Fahrräder geht. Im Flur stapeln sich Kartons mit der Aufschrift "Langnese Honig" (Kleingläser palettiert), ein Stück weiter liegen Rollen mit Stoffhandtüchern für die Handtuchspender besserer Restaurants, nebenan, ein Blick durch die offene Tür, werden Kleinteile für Armaturen zusammengeschraubt und noch ein paar Schritte, da hört man deutlich das Rattern von Nähmaschinen. Dabei erfahre ich, dass es noch weitere Gewerke gibt, darunter so verschiedene wie Malerei, Polsterei, Garten- und Landschaftsbau, ein Catering-Service u. a. Am beliebtesten ist aber bei allen Mitarbeitern die Imkerei, besonders dann, wenn es darum geht, die "Blumendorfer Blütentracht" aus den Waben zu schleudern. 

Im Fahrradladen "Rad Oldesloe" (aha!) begrüßen mich freundliche Mitarbeiter. Dort finde ich eine große Auswahl von Fahrrädern der mittleren Preisklasse. Einige ganz hochwertige Räder sind auch zu kaufen, sie haben einen Sonderplatz im Ausstellungsraum. Für den kleineren Geldbeutel werden generalüberholte, gebrauchte Fahrräder in großer Stückzahl angeboten. Ein gut sortiertes Ersatzteilangebot, Gebrauchtteile und Zubehör vervollständigen das Sortiment. Die im Laden Beschäftigten arbeiten in der Sparte "Einzelhandel", damit können die Stormarner Werkstätten auch einen Arbeitsplatz für Mitarbeiter mit Handicap für diesen Berufszweig anbieten. 

Einen Raum weiter komme ich in die Fahrradwerkstatt, hier ist es vorbei mit dem Einzelhandel, hier wird geschraubt, geölt und justiert. In Reparaturhöhe schwebt ein Fahrrad, an dem gerade das Hinterrad ausgebaut wird, damit die Gangschaltung gerichtet werden kann. Ein anderes ist gerade fertig, das Rücklicht brennt wieder, der Chef prüft die Arbeit und lobt den Mechaniker, der ihm stolz seine Arbeit vorführt. An den Wänden hängt übersichtlich jede Art von Werkzeug bis hin zum Spezialwerkzeug, das man sich als Hobbyschrauber nicht leisten mag, weil man es zu selten brauchen würde. Hier, in der Werkstatt, werden alle nur möglichen Reparaturen und Inspektionen an Modellen aller Art vorgenommen. Auch Oldtimer werden hier restauriert und so weit aufgemöbelt, dass sie wieder fahrbereit und verkehrssicher sind. Ist ein Fahrrad nicht mehr zu reparieren, werden die noch brauchbaren Teile ausgebaut und weiter verwendet oder verkauft (siehe oben), nur was gar nicht mehr zu gebrauchen ist, kommt auf den Schrott. Jan-Hendrik Liese, der dort seit Jahren arbeitet, beschreibt seinen Arbeitsplatz so: "Ich repariere und putze die Räder, ziehe die Schrauben nach, mache eigentlich alles, was so anfällt. Besonders gerne mag ich die Probefahrten. Bremsen sind nicht ganz so meine Sache, aber es muss ja verkehrssicher sein. Manchmal ist es hier auch stressig, aber trotzdem mag ich alle, es ist wie eine große Familie für mich."  

Die Kunden schätzen die Arbeit der Werkstatt und lassen ihre oft edlen Räder dort reparieren, pflegen und warten. Ein platter Reifen am Hollandrad, ein neues Ritzelpaket fürs Rennrad oder eine Inspektion, alle Reparaturarbeiten rund ums Rad werden übernommen. Ein Fahrradverleih, der gern von den Gästen der Bad Oldesloer Jugendherberge genutzt wird, und eine Möglichkeit zur Fahrradcodierung per Gravur runden das Angebot ab. Viele bringen ihr Fahrrad auch deshalb in die Stormarner Werkstätten, weil sie dazu betragen wollen, Menschen eine sinnvolle Arbeit zu ermöglichen, die auf dem "normalen" Arbeitsmarkt nur schwer eine Chance hätten. Dennoch werden die Kunden nicht mit Dumpingpreisen gelockt, die Stormarner Werkstätten wollen die Fahrradhändler der Umgebung nicht kaputt konkurrieren. Baumarkt-Räder gibt es dort auch nicht. Doch wer es trotzdem preiswert mag, kommt dank der intelligenten Gebrauchtteileverwertung voll auf seine Kosten.

In den Stormarner Werkstätten arbeiten 260 Menschen mit Handicap, die sich entsprechend ihrer Fähigkeiten und Möglichkeiten beruflich bilden und hier einen Arbeitsplatz finden. Sie werden von 40 Mitarbeitern betreut, die neben ihrem Hauptberuf immer eine zusätzliche sonderpädagogische Ausbildung haben. Dem Leiter der Einrichtung, Stephan Bruns, ist es ein Herzensanliegen, die dort arbeitenden Menschen mit ihren ganz unterschiedlichen Behinderungen durch Arbeit und berufliche Bildung in das Erwerbsleben zu integrieren. Das Gesetz (§ 1 Sozialgesetzbuch IX) garantiert jedem Menschen das Recht auf "gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft", Bruns versteht darunter vor allem auch Teilhabe am Arbeitsleben. Denn Arbeit, so Bruns, biete darüber hinaus auch die Chance zur Entwicklung der individuellen Persönlichkeit eines jeden Menschen, egal ob behindert oder nicht. Auch der Fahrradladen und die -werkstatt verschaffen also vielen Menschen mit Handicap diese Teilhabe. Sie "haben Teil" an der bunten Palette sinnvoller Arbeitsmöglichkeiten, die die Stormarner Werkstätten anbieten. 

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