03.07.2010 von Klaus Holst

Im Sessel durch den Frühling gleiten

Ein völlig neues Fahrgefühl verspricht eine Fahrt auf dem Liegerad: Man fährt bequem, schnell, und schont Sitzfläche und Handgelenke. Viele Fahrradhändler bieten die Möglichkeit an, ein Liegerad auszuprobieren. Doch wer direkt an die Quelle möchte, fährt nach Hörnerkirchen (bei Elmshorn), dort werden Liegeräder nicht nur ausgeliehen und verkauft, sondern auch entworfen und produziert. Lesen Sie im Folgenden einen Bericht über die Erfahrungen eines Liegeradneulings.

Eine Notbremsung direkt vor einer Hecke verhinderte Schlimmeres: Ich hatte mich mit einem Liegerad probehalber auf die Strecke getraut und war offenbar noch nicht ganz Herr der Lage. Ein Anwohner, der dabei war, seinen Gartenzaun zu streichen, und -peinlich genug!- Zeuge meines Missgeschicks wurde, lächelte müde. Er schien diese Liegerad-Fahranfänger zu kennen, denn gleich um die Ecke seines Anwesens befindet sich der Laden und die Werkstatt der Toxy-Liegeräder. Täglich starten hier Probefahrer, und am Wochenende schwärmt von hier ein ganzer Trupp Liegeradanfänger aus. Ich lächelte um Verständnis bittend zurück und startete neu durch. Es sollte noch ein paar Kilometer dauern, bis ich das Fahren ohne Schlangenlinien beherrschte.

Doch allmählich gelang es mir, dem Straßenverlauf einigermaßen geradeaus zu folgen und die Kurven im richtigen Winkel anzusteuern. Bald traute ich mir sogar zu, souverän dem Gegenverkehr auf schmalen Landwirtschaftswegen klarzumachen, dass ich ebenfalls einen Teil der Straße beanspruchen wollte. Mit der zunehmenden Sicherheit wurde das Fahren immer entspannter: Bequem im Sessel sitzen, den Händen in Hüfthöhe links und rechts am Lenker arbeitsfrei geben, die Landschaft an sich vorbei ziehen lassen, naja, und den Beinen bei ihrer Tretarbeit zusehen, da kommt Freude auf! Und als ich nach ein paar Stunden und vielen Kilometern wieder auf meinen Startpunkt zusteuerte und der Zaunmaler von seiner Arbeit aufblickte, nickte er anerkennend. Er hatte es richtig erkannt, ich fuhr inzwischen so, als hätte ich nie auf einem anderen Fahrrad gesessen.

Schon immer hatte ich Liegeradfahrern mit einer Mischung aus Skepsis und Neugier hinterher geblickt. Sie überholten mich mühelos, sie schienen unter dem Wind hindurch zu fahren und saßen dabei noch so bequem, wie sie sonst wohl nur zu Hause in ihrem Lieblingssessel sitzen. Deswegen stand eine ausführliche Probefahrt mit einem Liegerad schon seit geraumer Zeit auf meinem Wunschzettel Ein Kurzversuch auf einer Fahrradmesse rief diesen alten Wunsch wieder wach. Am Messestand der Toxy-Räder geriet ich gleich an den Firmenchef Arved Klütz. Auf meine Frage, ob ich wohl mal länger probefahren könnte, hieß es nur: „Kein Problem, Anruf genügt.“

An einem der ersten Frühlingstage war es soweit. Die Einweisung dauerte wenige Minuten: Vor (!) dem Lenker aufsteigen, Bremsen ziehen, hinsetzen, Tretkurbel in die richtige Stellung bringen, mit einem Fuß auf dem Boden abstützen und mit dem anderen kräftig lostreten. Los! Erst ist es tatsächlich etwas kippelig. Der Versuch, geradeaus zu fahren, gelingt nicht sofort, die sehr direkt reagierende Lenkung ist gewöhnungsbedürftig. Doch wenn man den noch ängstlichen Blick statt auf die Füße auf den Weg voraus richtet und zu starkes Gegenlenken vermeidet, fängt das Staunen an: Es geht leicht, flott, bequem und komfortabel. Weich und schwebend bügelt die Vollfederung schlecht abgesenkte Kantsteine, Schlaglöcher und Kleinpflaster glatt. Komfort vom Feinsten auf dem bequemen Sitz. Sattelprobleme? Auch nach Stunden - keine! Hände und Handgelenke? Sie müssen den Körper nicht abstützen, sondern haben tatsächlich nichts anderes zu tun, als zu lenken und zu schalten.

Bei kleinen Pausen, beim Kartenstudium oder einer Zwischenmahlzeit bietet das Fahrrad gleich passend zur Rast den gemütlichen Sessel dazu. Das heißt, man muss nicht absteigen, sondern kann sitzen bleiben, kann seinen Proviant und die Trinkflasche auspacken und die Landkarte als Lektüre bereit legen. So lässt es sich auf dem Rad sitzend gemütlich und erholsam pausieren. Eigentlich fehlt nur noch ein kleines Tischchen, das am Vorderrohr anzuklammern wäre, als „Tischlein deck dich“. Nicht nötig! Es genügt, dass das Rad eine komfortable StVO-gerechte Vollausstattung besitzt. Die Beleuchtung, gespeist aus einem Nabendynamo, - eine Selbstverständlichkeit. Der Gepäckträger eignet sich für Packtaschen, die auch eine mehrwöchige Reise erlauben, die Gangschaltung, eine „Dual drive“ von SRAM mit 27 Gängen, lässt sich komfortabel per Drehgriff schalten, links drei Gänge der Nabenschaltung, rechts neun Gänge der Kettenschaltung. Natürlich ist auch die Rohloff-Schaltung im Angebot oder auch Hydraulik-Bremsen von Magura. Und wer noch mehr Zubehör möchte, kann es bekommen. Alles in allem ein Fahrrad zum erholsamen Fahren längerer Strecken und zum Reisen.

Wer einmal Lust hat, ein Liegerad für eine Proberunde auszuprobieren oder für einen Tag auszuleihen, frage seinen Fahrradhändler oder wende sich an Toxy-Liegeräder, Steinstr. 5, 25364 Hörnerkirchen (bei Elmshorn, vom Bahnhof Dauenhof 2 km), Tel 04127 92283, www.toxy.de. Aber Vorsicht, Liegeradfahren kann süchtig machen!              (kh)

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