08.06.2012 von Rolf Jungbluth

Deutschland der Länge nach: Mit einer Menschenstärke von Flensburg nach Füssen

Glockenpalast Gifhorn
Glockenpalast Gifhorn

Ich sitze hier in Flensburg an der Museumswerft mit dem Gesicht nach Süden gewandt. Hier soll sie nun losgehen, meine Reise durch die Republik. Wie ein Teppich rollt sich vor meinem geistigen Auge die Landschaft vor mir aus, die ich in den nächsten Tagen mit dem Fahrrad durchqueren werde.

Lauenburg
Lauenburg

Sanfte Hügellandschaft in Schleswig-Holstein, Heide in Niedersachsen und... ja und? Dann reicht meine Vorstellungskraft nicht mehr weiter. Wie eine Wand steht er da, der Harz, und lässt mich nicht weiter nach Süden schauen, verbirgt all das, was in wenigen Wochen schon wieder Erinnerung sein wird.

Noch bevor sich die Gedanken weiter verlieren, fordert Ulrike mich zum Aufbruch auf. Sie begleitet mich auf der ersten Etappe, die uns zuerst einmal in unsere Heimatstadt Eckernförde führen wird. Auf der Promenade an der Flensburger Förde genießen die Menschen die seltenen Sonnenstrahlen, während wir uns mit den Rädern vorsichtig Richtung Ochsenweg begeben. Nur wenige kleine Orte durchqueren wir auf dem Weg nach Schleswig. Vorbei an der rekonstruierten Wikingersiedlung Haithabu, treffen wir zum frühen Abend in Eckernförde ein.

Das Rad ist jetzt mit allen Taschen beladen. Zelt, Schlafsack und was der Mensch sonst noch braucht, wiegen doch einige Kilos. Dementsprechend sind die ersten Kilometer noch sehr gewöhnungsbedürftig. Viel Aufregendes bringt der erste Tag nicht mit sich. Die Strecke ist weitestgehend von früheren Tagestouren geläufig.

Der nächste Tag ist weitaus entspannter. Nicht weil die Radwege besser geworden sind. Nein, heute bin ich fernab von jeglichem Autoverkehr fast ausschließlich auf verträumten Nebenstraßen unterwegs. Bisher war das Ziel Füssen im Algäu ganz klar, bis an einer Kreuzung zwei Schilder meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Links geht es nach „Weite Welt“ und geradeaus nach „Berlin“. Könnte sich der Umweg in die „Weite Welt“ nicht lohnen? Es ist doch gerade mal ein Kilometer. Ich entscheide mich für die vier Kilometer nach Berlin (Kreis Segeberg). Auf der Haupteinfallstraße erreiche ich den „Stadtrand“ und keine fünf Minuten später ist auch schon der „Potsdamer Platz“ erreicht.

Der Fernradweg „Alte Salzstraße“ hat zu Recht vor kurzem drei Sterne vom ADFC erhalten. Auf der gut gepflegten Oberfläche lässt es sich entspannt Rad fahren. So ist Lauenburg schnell erreicht und damit auch das erste Bundesland durchquert. Besonders beeindruckend ist ein abendlicher Spaziergang durch die alten Gassen der Elbestadt.
Hinter Lüneburg verändert sich die Landschaft. Meist führt der Weser-Harz-Heide Radweg durch weite Wälder, und nur selten bekomme ich die für diese Gegend so typische Heidelandschaft zu sehen. Viele der Wege bestehen aus Sand oder sind mit Kopfsteinpflaster versehen. Damit die Radfahrer trotzdem noch gut fahren können, finden sie am Rand oft einen Streifen mit feinem Kies vor.

Am Mühlenmuseum in Gifhorn überrascht ein blaues Gebäude mit ausschweifenden Türmchen und goldenen Kuppeln im russischen Stil. Unter der Schirmherrschaft von Michael Gorbatschow wurde hier am 9. November 2006 das europäische Kunsthandwerkerinstitut, der „Glockenpalast“, eingeweiht.
Dann ist es soweit, kurz hinter einer Weggabelung gibt die Landschaft das erste Mal den Blick auf den Harz frei. Noch einmal in Bad Harzburg übernachten, danach geht es am nächsten Tag die erste ernsthafte Steigung hoch - nach Torfhaus - in den Nationalpark Harz. Nach einem kurzen Bummel durch die stilvolle Innenstadt stehe ich vor dem Aufstieg. Was ich nicht wusste, die Straße hoch in den Nationalpark ist vierspurig und muss mit vielen LKWs geteilt werden. Nach gut einer Stunde kontinuierlicher Steigung erreiche ich das Tor zum Nationalpark.

Die Temperatur ist deutlich unter zehn Grad gesunken. Wenn die LKWs nicht ausweichen können, rauschen sie im Zentimeterabstand an mir vorbei. Kurz vor der Passhöhe fängt es zudem noch an zu regnen. Völlig entnervt und durchgefroren frage ich im Nationalparkzentrum nach einem sicheren Abstellplatz für mein Fahrrad. Da es für Radfahrer hier nichts gibt, bietet mir das Team des Zentrums völlig unkompliziert an, das Rad im Heizungsraum unterzustellen.

Nach einem ausgiebigen Rundgang beschließe ich, die Nacht in der nahe liegenden Jugendherberge zu verbringen. Nach warmer Dusche und Essen sind die Lebensgeister wieder wach, und ich genieße den Blick auf den Brocken, der sich wie zur Entschuldigung für die Strapazen im Sonnenuntergang von seiner Schokoladenseite zeigt.
An der Werra entlang wird der Radfahrer mit einer fast perfekten Ausschilderung geführt. So bleibt der Kopf frei, die sanfte Landschaft und das sommerliche Wetter zu genießen. Die Ströme der Radfahrer lassen im touristischen Hinterland zu Unrecht nach. Hier locken zwar keine Superlative, aber die Landschaft und die vielen Orte mit ihren schönen Fachwerkhäusern verdienen mehr Aufmerksamkeit.

Die Route führt mich entlang Werra, Fulda und Sinn bis an den Main. Oft wenn ich den Fluss wechsle, muss ich über einen Berg. Mein heutiger Campingplatz freut sich besonders über Fahrradfahrer. Auf dem ruhig gelegenen extra Stellplatz befindet sich ein Zelt mit Tischen und Bänken. Als besondere Aufmerksamkeit gibt es hier einen Kühlschrank nur für Radfahrer und Paddler. Super!

Wer Rothenburg ob der Tauber besichtigen will, kann einen großen Bogen fahren oder den kurzen geraden Weg nehmen. Oben angekommen, erinnere ich mich wieder daran, dass die kurzen Wege in den Bergen die besonders steilen sind. Nachdem sich der Puls wieder beruhigt hat, zieht es mich in die historische Altstadt. Hier werden alle Klischees über Asiaten erfüllt. Eine junge Frau mit einem Fähnchen in der Hand schreitet im Sauseschritt vor einer Gruppe durch die Innenstadt und erklärt in einer mir nicht verständlichen Sprache die Sehenswürdigkeiten der Stadt. Bei jeder Gelegenheit wird der Auslöser der Kamera betätigt. Auch ich spare nicht an Bildern. Wie war das noch mit den Klischees?

Für die armen Augsburger hat Jacob Fugger die erste Sozialsiedlung Europas erbaut. Noch heute kann man dort für den Gegenwert eines rheinischen Guldens, ca. 0,88 € Jahreskaltmiete und täglich drei Gebete für den Stifter in einer der 140 Wohnungen wohnen. Für mich nicht weniger spannend ist es am „Eiskanal“ den Kanuten bei ihrem Spiel mit dem Wildwasser zuzuschauen. Was 1972 für die olympischen Kanuten gebaut wurde, steht heute allen Wassersportlern offen. Durch die Lech-Auen geht es nun weiter in Richtung Süden. Die Temperaturen steigen wieder auf 30 Grad, und Scharen von Familien und jungen Menschen sonnen sich auf den Kiesbänken des Lech.
Die kleinen Städte entlang der Romantischen Straße sind wahrlich romantisch. Die Häuser, oft liebevoll bemalt, tragen üppigen Blumenschmuck. Keine Leuchtreklame stört die historischen Stadtbilder. Wie in alten Zeiten schreibt der Maler in großen Lettern auf die Mauern, wo sich der Bäcker oder Metzger befindet. Die Ausschilderung für den Radfahrer lässt allerdings oft zu wünschen übrig.

Immer wieder ist es beeindruckend, wie hier Tradition und Moderne zusammenleben. So steht ein aufwändig mit Blumen geschmücktes Wegekreuz neben einem restaurierten Hof mit Solaranlage auf dem Dach. Mit jedem Kilometer weiter südlich steigert sich die Landschaft in der Lieblichkeit und dann ist es soweit. Hinter einem Wald zeigen sich, noch schemenhaft, die ersten Berge der Alpen. Irgendwie ist es schön, das Ziel vor Augen zu haben, anderseits bin ich ein bisschen traurig. Morgen geht eine beeindruckende Reise durch ein unerwartet vielfältiges Deutschland zu Ende.
Bestes Wetter mit bayrisch weißblauem Himmel begleitet mich über ruhige Seitenwege. Die Gleitschirmflieger nutzen die Thermik, und schon kommt die letzte Sehenswürdigkeit in Sicht. Wie im Märchen steht Neuschwanstein oben am Berg. Eine letzte Nacht in der Jugendherberge, die ich diesmal mit fünf anderen teile. So dürfen sie auch daran teilhaben, dass der Wecker schon vor fünf Uhr die Nacht beendet, damit ich den einzigen Zug für heute nach Hause noch erreichen kann.

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