01.03.2015 von Klaus Holst

Der Sattel – Fernsehsessel oder Foltersitz?

Es war vor einem Hotel am Saaleradweg. Wir waren dabei, uns startklar zu machen und die Packtaschen an den Rädern zu befestigen. Da kamen wir mit einigen autofahrenden Hotelgästen ins Gespräch: woher, wohin, ob es Spaß macht so auf dem Rad usw. Mein Freund nahm die Gelegenheit war, von seiner Tour nach Gibraltar zu schwärmen: Was er da unter- wegs alles erlebt hat, - das kann man nur mit dem Fahrrad erleben...

Die Aufmerksamkeit der Autofahrer konzentrierte sich auf den Sattel meines Freundes und gipfelte in der erstaunten Frage: „Und das alles mit diesem Sattel?“ Dabei handelte es sich um einen Leder- sattel, hart und scheinbar total unbequem.

 

Tatsächlich, wer es gewohnt ist, vom Auto- sessel aus zu denken, hält schon die Arbeit des Tretens für so beschwerlich, dass zumindest ein weich gepolsterter Fahrradsattel die Mühsal dieser Arbeit etwas ausgleichen sollte. Doch jeder Vielradler weiß: Ein harter Sattel, vorausgesetzt er hat die richtige Passform, ist einem weichen Sattel immer vorzuziehen. Das klingt zunächst überraschend. Doch es lässt sich erklären.

Beim Treten wird abwechselnd die linke und die rechte Gesäßhälfte ent- und belastet. Die Belastung blockiert die Blutgefäße, die sofort folgende Entlastung gibt sie kurzfristig frei, so dass sie ihrer Aufgabe nachkommen können, das Gewebe zu versorgen. Taubheitsgefühle werden so verhindert, und auf längeren Touren kommt es nicht zu Reizungen der Haut oder Schlimmerem.

Hier leistet nun der weiche Sattel einen schlechten Dienst: Er passt sich zwar zunächst der Anatomie unmittelbar an, setzt aber die gesamte Sitzfläche unter dauernden Druck, ohne dass es irgendwann zur Entlastung käme, denn er ist bestrebt, sich immer wieder in seine Ursprungsform zurückzuformen. Durch die fehlende Entlastungsphase werden Gewebe und Blutgefäße mangelhaft versorgt. So kann es nach einer etwas längeren Fahrt schnell zu den oben beschriebenen Beschwerden kommen.

Anders beim harten Sattel, der eine ständige Ent- und Belastung jeweils einzelner Teilbereiche der Sitzfläche bewirkt und dadurch eine Versorgung von Gewebe und Blutgefäßen ermöglicht. Alles das macht sich bei der Fahrt zum Bäcker zwar noch nicht bemerkbar, umso mehr aber auf längeren Strecken.

Der harte Sattel kann aber seine Vorteile nur ausspielen, wenn er die richtige Passform hat. Trotz aller Werbeversprechen kann man aber einen wirklich passenden Sattel nicht kaufen, denn die Knochen an der Beckenunterseite sind bei jedem Menschen zu verschieden, und sie lassen sich auch nicht so einfach bestimmen und ausmessen wie die Arm- und Beinlänge, wie man es beim Anpassen eines Fahrradrahmens macht. Also gilt es, einen Sattel aus einem Material zu finden, der sich der Anatomie des Fahrer anpasst und angepasst bleibt.

Hier kommt man an einem Ledersattel nicht vorbei. Er muss, damit er wirklich passt, „eingeritten“ werden und das kann 500 bis 1.500 teil- weise schmerzhafte Kilometer dauern. Aber dann hat man einen Sattel, der sich der eigenen Anatomie wie eine gutes Paar Schuhe perfekt anpasst.

Doch auch dann macht der Ledersattel häufig noch einen sehr unbequemen Eindruck, insbesondere wenn sich – wie auf dem Foto – auch noch der metallene Unterbau auf der Sitzfläche abzeichnet. Das täuscht jedoch, weil das Foto den entlasteten Sattel zeigt. Setzt sich der Fahrer darauf, komprimiert sein Gewicht die Spiralfedern. Dadurch spannt sich das Leder, so dass es in seine Form gezogen wird und sich dem Fahrer anpasst, vorausgesetzt, der Sattel ist „eingeritten“ (s. o.).

Um den Anpassungsprozess zu beschleunigen, kursieren unter den Freunden des Ledersattels alle möglichen Rezepte, die nicht immer zum Erfolg führen, teilweise sogar den Sattel verderben können. Bewährt hat sich die folgende Prozedur: Zunächst bestreicht man den Sattel von unten satt mit Lederfett. Oft ist das Fett ähnlich fest ist wie Schuhcreme, dann empfiehlt es sich, kleine Fettbrocken auf die Unterseite des Sattel ganz leicht mit einem Haartrockner zu verflüssigen und mit einem Pinsel in die Ecken, z. B. unter den Sattelrahmen zu verteilen.

Anschließend sollte man das Fett über Nacht gut einziehen lassen und den Sattel am nächsten Tag mit einem Hammerstiel oder einem ähnlichem Werkzeug kräftig durchwal- ken. Im Anschluss daran fährt man ein bis zwei Stunden. Diesen Vorgang sollte man mehrmals wiederholen. Von dem Tipp, den gefetteten, kurzzeitig eingefahrenen Sattel in den angewärmten Backofen zu legen, ist dagegen eher abzuraten.

Und noch etwas. Im Gegensatz zu jedem anderen Sattel braucht ein Ledersattel Pflege. Grundsätzlich gilt: er sollte niemals nass werden, eine Plastiktüte oder „Sattelmütze“ sollte immer dabei sein, um ihn damit vor Regen zu schützen. Ein Nachspannen des Sattels ist zwar möglich, doch wenn man einmal damit angefangen hat, muss man regelmäßig weiter nachspannen, die Folge ist, dass die Sattelflan- ken nach außen gedrückt werden und an den Oberschenkeln scheuern können.

Um die Lebensdauer zu verlängern, sollte alle paar Monate eine Portion gutes Lederfett von unten aufgetragen werden. Dann wird man lange etwas von dem Sattel haben. Vielleicht überdauert er sogar das Rad, mit dem er einmal gekauft wurde, und tut auf dem nächsten – neuen – Rad weiter seinen Dienst.

kh

Näheres über harte und weiche Sättel und die richtige Sitzposition auf dem Fahrrad lesen Sie in dem Buch von Juliane Neuß: Richtig sitzen – locker Rad fahren, Delius Klasing Verlag.

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