03.07.2011 von Frank Spatzier

Der polnische Ostseeradweg und Danzig per Rad

Ab Heringsdorf bin ich der einzige im Zug. Das polnische Seebad Swinemünde scheintnicht das Ziel der vielen Passagiere in der Usedomer Bäderbahn zu sein. Ein wenig wundere ich mich darüber, schließlich ist Świnouście die größte Stadt auf der Insel und wirklich nicht ohne Reize. Vielleicht liegt es an der Sprachbarriere, denn hinter der Grenze ist alles nur noch auf Polnisch. Ohne schleichenden Übergang, der dem Touristen auch im nahen  Ausland die Illusion erlaubt, noch nicht ganz in der Fremde gelandet zu sein.

Seebrücke in Sopot
Seebrücke in Sopot
Von Lübeck aus habe ich mich und mein Rad per Bahn in die nordwestlichste Ecke Polens befördert. Es ist Ende April und ich möchte dem Ostseeradweg R10 in Richtung Danzig folgen sowie die alte Hansestadt mit dem Rad erkunden. Man muss dabei wissen, dass der polnische Teil des R10 viele Überraschungen zu bieten hat. Von Sandpfaden über Kolonnenwege bis hin zu Luxus-Radbahnen ist alles dabei. Auch muss man wissen, dass Polen im Frühjahr vielerorts noch „zu“ hat. Die Saison beginnt erst im Juni, und gerade in den Seebädern sieht es mit offenen Restaurants mau aus. Auch die Campingplätze liegen noch im Winterschlaf. Zum Glück funktioniert „Wolne Pokoje“ (Zimmer frei) das ganze Jahr über. Świnouście (Swinemünde) und Międzyzdroje (Misdroy) sind nicht nur Beispiele für typisch polnische Zungenbrecher, sondern auch für ambitionierte Seebäder in bester Lage. Strandpromenaden laden zum Flanieren ein und kleine Läden kümmern sich ums Konsumwohl. Alles ist angenehm übersichtlich und auch weitgehend frei von den üblichen Filialisten. Dazwischen lotst der R10 Radtouristen durch kleine Dörfer und dichte Wälder, wo man gerne mal ausgebremst wird, Schotter- und Sandwegen sei Dank. Allerdings bleibt man so komplett vom Autoverkehr verschont. Ein fairer Handel. In Rewal hat man am frühen Nachmittag bereits die Gehwege hochgeklappt. Auf der Promenade des kleinen Seebades herrscht gähnende Leere, kein Geschäft hat geöffnet. Ein paar müde Passanten verlieren sich auf der Aussichtsplattform an der Steilküste. Mein Magen knurrt und weit und   breit ist nicht einmal ein Imbiss zu entdecken. Zum Glück befi ndet sich gleich neben meiner Pension ein Tante-Emma-Laden. Und so gibt es halt Salzgebäck als Abendessen. Vorsaison ist in Polen eben gar keine Saison. Auf dem Weg nach Kołobrzeg (Kolberg) lerne ich Trzebiatów, Roby und Mrzezyno kennen. Drei Städtchen in der nordpolnischen Provinz, bewohnte Flecken inmitten weiter Agrarfl ächen. Ein Stück weit führt der R10 über die Landstraße, wo zurzeit nur wenig Verkehr herrscht. In der Hauptsaison soll es hier allerdings lange Blechlawinen geben. Ohne jeglichen Verkehr ist dafür der triste Kolonnenweg, der durch eine noch tristere Landschaft nach Mrzezyno führt. Im Seebad Kołobrzeg schließlich tanzt der Bär. Mit 50.000 Einwohnern ist die Stadt so etwas wie die Metropole der Region und kann in ihren Hotels zusätzlich kurwillige Menschenmassen unterbringen. Hübsch ist das ehemalige Kolberg deswegen noch lange nicht. Im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört, wurde es im sowjetisch-funktionalistischen Stil wiederaufgebaut. Sehens- und radelnswert dagegen ist die kilometerlange Strandpromenade mit separater Fahrradstraße. Über Ustronie Morskie geht es an Sarbinowo vorbei nach Mielno, wo der Jezioro Jamno beginnt. Der große See wird durch eine schmale Nehrung von der Ostsee abgetrennt, hier lässt es sich prima radeln. Nicht so beim Nachbarsee. Er hat zwar auch eine Nehrung, jedoch ohne Wege. Und so muss ich den Jezioro Bukowo komplett umfahren. Zur Belohnung gibt es in Dabki eine warme Pizza. Hier gibt es tatsächlich mal wieder geöffnete Restaurants.

In Darłowo (Rügenwalde) wuchte ich meinRad in den Keller eines kleinen Hotels hinab. Wie bisher immer in Polen, findet mein kostbares Vehikel auch hier ein sicheres Örtchen. Von der Rügenwalder Wurstfabrik ist in der idyllischen Geburtsstadt der Teewurst jedoch nichts zu sehen. Als Veganer kann ich das jedoch gut verschmerzen. Bis Ustka (Stolpmünde) radele ich noch den R10 entlang, dann geht es mit der Bahn nach Danzig. Hier quartiere ich mich für ein paar Tage in einem Hotel ein und durchstreife die alte Hansestadt intensiv per Rad. Was kein Problem ist, denn Danzig bezeichnet sich selbst als ausgesprochen fahrradfreundlich. Kein Wunder, denn der Kfz-Verkehr ist in der Troimiasto („Dreistadt“ Danzig, Sopot und Gdynia) alles andere als angenehm. Radwege gibt es allerdings zuhauf, und ebenso lohnenswerte Ziele wie etwa die Westerplatte, das alte Seebad Sopot oder die kilometerlangen Wohnblöcke im Stadtteil Oliwa. Nicht zu vergessen natürlich die historische Altstadt. Auf der Fähre nach Hause komme ich zu einem ersten Fazit: Der Ostseeradweg ist auch bei unseren Nachbarn ein Erlebnis. Landschaftlich mag er sogar noch mehr zu bieten haben, jedoch bei gewissen Abstrichen an der Wegequalität. Nichts für Leute, die Strecke machen wollen. Doch ein Genuss für alle, die gerne genauer hinschauen und das Unbekannte suchen. (fs)

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Kommentar von Koltermann, Wolfgang | 21.07.2011

Ein interessanter Bericht. Der macht Lust auf Nachahmung. Wie sind Sie sprachlich zurecht gekommen? Welches Kartenmaterial haben Sie benutzt? Ich plane 2012 eine ähnliche Tour. Mein Geburtsort ist Cammin. Den möchte ich u.a. kennenlernen. Sie erzählen garnichts über Stettin?! Können Sie mir weitere Infos geben? Freundliche Grüße
Wolfgang Koltermann

Kommentar von Sürig, Manfred | 18.10.2011

Ihr Bericht bestätigt meine eigenen Erfahrungen von 2008 und 2009 auf der Strecke von Malbork-Gdansk-Frische Nehrung-Maruren-Allenstein, beschrieben hier:http://www.umdiewelt.de/mTravelogue.php?t=3522&m=e und hier:
http://www.umdiewelt.de/mTravelogue.php?t=4891&m=e