27.02.2015 von Jörn Lütjens

Der Moldau-Radweg von der Quelle bis zur Einmündung in die Elbe

Wer den Elberadweg abgeradelt hat und auch die größeren Elbe-Nebenflüsse Spree/Havel und Saale schon kennt, für den ist die Moldau der richtige Tipp. Allerdings geht es hier nicht ganz so gemütlich zu wie an den anderen Flüssen, denn es sind etliche Steigungen zu bewältigen, und die Zahl der autofreien Wege bleibt überschaubar. Im folgenden Bericht beschreibt Jörn Lütjens eine Reise, die er mit weiteren drei Senioren an der Moldau unter- nommen hat.

1. Tag: Von Železná Ruda nach Srni (37 km)

Es ist Freitag der 13. und auch noch Vollmond; daran haben Abergläubige wohl allerhand zu knacken – wir nicht, unsere Moldau-Radrei- se kann beginnen! Gleich hinter Železná Ruda geht es hinein in den Böhmer Wald und stetig bergauf von 820 auf 1000 m Höhe. Im Winter ist hier ein beliebtes Langlauf-Skigebiet.

Die Holzbrücken, die über die vielen kleinen Bäche führen, fallen durch ihre ungewöhnliche Breite auf und sind wohl für mehrere Parallel-Loipen ausgelegt. Doch im Sommer scheint die Ge- gend auch ein beliebtes Gebiet für Radler oder Mountainbiker zu sein. Nach etwa 20 km sind wir in der Nähe des Dorfes Prasily und machen im Wald eine ausgedehnte Rast. Zwar sind es

bis zu unserem Zielort Srni nurnoch wenige Kilometer, doch die haben es in sich: Ein Kräfte zehrendes Hinaufschnaufen im ersten Gang (oder Schieben, je nach Bedarf) und anschließendes Herunterrollen mit leicht überhöhter Geschwindigkeit.

 

2. Tag: Von Srni nach Horska Kvilda (38 km)

Der erste Abschnitt nach Modrava bedeutet ca. zehn Kilometer moderater Anstieg. Teilweise verläuft die Strecke auf der Straße neben dem Fluss Vydra. An einer Brücke mit riesigen Felsbrocken im Flussbett legen wir eine kurze Pause ein, es gibt Erfrischungsgetränke, Linzer Torte und Kofola. Das ist die tschechische Cola, die nach Underberg mit Brause schmeckt und bei manchem eine erfrischende Wirkung entfaltet.

Dann geht es weiter auf dem Radweg Nr. 33 nach Kvilda. Im Touristen-Informationszentrum ist zu erfahren, dass der Weg zur Moldauquelle nur sieben Kilometer lang und leicht zu befahren ist. Das Gepäck darf bei der freundlichen Dame vom Infozentrum gelagert werden.

Und so fahren wir etwas erleichtert den nur mäßig ansteigenden Waldweg zur Quelle hoch. Das Quellwasser fließt aus einer kleinen Holzrinne ab; hier wird natürlich ein Schluck von dem be- rühmten frischen Wasser getrunken, der „Mutter aller tschechischen Flüsse“, wie sie von den Tschechen liebevoll genannt wird.

 

3. Tag: Von Horska Kvilda nach Stožec (52 km)

Die Fahrt geht von Kvilda abwärts immer neben der Warmen Moldau entlang bis nach Lenora. Jetzt fahren wir abwechselnd durch dunkle Wälder und wunderschöne Wiesentäler – und die Moldau fließt immer mitten drin. Südlich von Lenora liegt das Gebiet des zweiten Moldau-Quellflusses, der Kalten Moldau.

 

4. Tag: Von Stožec nach Vyšší Brod (66 km)

Die durch Stožec fließende Kalte Moldau entspringt auf der deutschen Seite im Gebiet von Haidmühle. Wir fahren auf einer kleinen Nebenstraße am Flüsschen entlang. Nach etwa sechs Kilometern kommen wir an die Stelle, wo die Warme Moldau und die Kalte Moldau zusammenfließen. Neben dem Radweg schlän- gelt sich die Moldau mit ihrem braun gefärbten Wasser nebenher. Der nächste Ort heißt Nova Pec. Hier befinden wir uns am Anfang des 42 km langen Lipno-Stausees und beschließen,

auf der touristisch erschlossenen Nordseite zu fahren, dort liegt auch Horni Plana (deutsch: Oberplan), der Geburtsort des Schriftstellers Adalbert Stifter. Weiter geht es nach Vyšší Brod, dem südlichsten Punkt der Reise. Hier schwenkt der Flusslauf der Moldau nach Norden und behält diese Richtung bis zur Einmün- dung in die Elbe bei.

 

5. Tag: Von Vyšší Brod nach Český Krumlov (30 km)

Unser heutiges Ziel Český Krumlov ist zwar nur ca. 30 km entfernt, aber die haben es mit vielen Steigungen in sich. Schließlich lässt uns eine berauschende Abfahrt nach Krumlov hineinrollen. Dort angekommen, halten wir uns nicht lange mit der Quartiersuche auf, im erstbesten Pensionsgebäude wird gefragt und schon ist die Suche nach einer Unterkunft erfolgreich beendet.

Nun ist ausreichend Zeit für einen Spaziergang durch den berühmten Ort. Hoch oben auf zwei Bergrücken erheben sich das Schloss und die Altstadt von Český Krumlov. Die Moldau zieht dreimal in engen Bögen durch das Stadtgebiet. Viele verwinkelte Gassen, schräge Treppen, malerische kleine Plätze und das Gewirr von interessanten Giebeln und Säulen prägen das Gesamtbild. Die Stadt ist 1992 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt worden und wird darum von vielen Touristen besucht.

 

6. Tag: Von Český Krumlov nach České Budě- jovice (Budweis) (31 km)

Warme Sonnenstrahlen begrüßen uns, welch eine Einladung für die Weiterfahrt nach Budweis. Das sind zwar auch wieder nur ca. 30 km, aber auch heute geht es ständig bergauf und bergab. Um Steigungen gleich zu Beginn zu meiden, fahren wir zunächst nicht auf dem Radweg Nr. 12 aus der Stadt heraus, sondern nehmen für vier Kilometer die Hauptverkehrsstraße ohne Radweg in Kauf.

Nach der Einfädelung in den offiziellen Radweg folgt der erste steile Anstieg des Tages. Auf der Höhe angekommen, begrüßen uns mehrere große weiße Mohnfelder in voller Blüte. Nach Budweis ist es jetzt nur noch ein Klacks. Der Radweg geht noch einmal über einige sanfte hügelige Felder, bis uns die letzte Abfahrt direkt ins Stadtzentrum führt.

 

7. Tag: Von Budweis nach Týn n. Vlt. (39 km)

Nach einem guten Frühstück fahren wir bei strahlendem Sonnenschein weiter an der Moldau entlang. Kurze Zeit später ist das Schloss Hluboka zu sehen. Die Weiterfahrt durch die Wälder ist angenehm erfrischend. Am west- lichen Horizont tauchen die vier riesigen Kühltürme des Kernkraftwerks Temelin auf, das vor ein paar Jahren zu politischen Streitereien zwischen Tschechien und Österreich geführt hat.

Nach Týn an der Moldau, unserem Zielort, sind es nur noch wenige Kilometer. Am frühen Nachmittag erreichen wir den Marktplatz und bekommen im Touristenbüro ein Hotel vermittelt.

 

8. Tag: Von Týn nach Lasovice bei Klučenice (68 km)

Heute früh ist es ziemlich kalt, der Himmel grau und bedeckt. Gleich hinter der Moldaubrücke geht es stetig bergauf bis auf eine Hochfläche zwischen den Tälern der Moldau und Otava. Dort, wo sich beide Flüsse vereinigen, befindet sich auf einer Landzunge die Burg Zvíkov.

Vom erhöhten Standpunkt der Burg haben wir einen weiten Blick auf den sich bis hierhin ausdehnenden Orlíkstausee. Wir fühlen uns noch fit genug zum Weiterfahren und beschließen, im ca. 20 km entfernten Klučenice Schluss zu machen. In Klučenice sind jedoch Hotel und Pension belegt. Diese Situation ist für uns nun ganz neu. Was nun? Glücklicherweise ist ein freundlicher Mann bereit, telefonisch herumzufragen.

Die Überraschung: Er findet für uns ein Feuerwehr-Vereinshaus mit Übernachtungsmöglichkeiten. Draußen hängt sogar ein Schild „Zimmer frei“. Nichts wie rein, das ist unsere Chance. Die Gasthausbetreiber sind sehr nette Leute und bemühen sich richtig um uns.

 

9. Tag: Von Lasovice nach Slapy (52 km)

Um neun Uhr geht es wieder weiter, genau so wie in den letzten Tagen: rauf und runter durch etliche kleine Dörfer und schließlich wieder steil hinunter an die Moldau. Bei Cholin überqueren wir den aufgestauten Fluss und kommen in einem Restaurant auf der anderen Seite zu unserem ersten verdienten Kaffee.

Kurz vor der Ortschaft Cim befinden wir uns auf einer Höhe, von der aus die weit unten fließende Moldau zu sehen ist. Ein Blick auf die Karte lässt nur noch ein oder zwei Hügel bis zu unserem Zielort erwarten. Im Dorfzentrum von Slapy bleiben wir bei der erstbesten Pension stehen und erkundigen uns. Zwei sehr geräumige Zimmer werden uns zugeteilt.

 

10. Tag: Von Slapy nach Prag (50 km)

Unter großem Gekläffe von einigen Hunden aus dem Dorf starten wir zur letzten Etappe nach Prag. Als wir nach einem langen Anstieg sozusagen die Betriebstemperatur erreicht haben, ist klar, dass bis Prag keine weiteren Höhen zu erwarten sind. Von nun an geht es durch einen Wald nur noch bergab bis zur Moldau.

Nach und nach kommen wir der „Zivilisation“ näher und treffen im Ort Štěchovice wieder auf die Moldau. Bald ist Prag erreicht, der Fluss windet sich in einem großen Bogen durch die Stadt. Wir fahren in Richtung Stadtteil Troja nach Norden und suchen unsere im Voraus geebuchte Unterkunft. Die kleine, übersichtliche Anlage des Hotels ist nett gestaltet, man kann sehr schön draußen sitzen und erst einmal „abhängen“.

 

Länge der Tour:

• ca. 500 km von Železná Ruda (nahe der deutschen Grenze bei Bayrisch Eisenstein) bis Mělník (ca. 50 km moldauabwärts von Prag)

Anreise und Rückreise:

• Anreise: mit der Bahn von Hamburg über Berlin, Prag, Pilsen (dort Zwischenübernachtung) nach Železná Ruda.

• Oder: Fahrt von Hamburg über Augsburg, Plattling nach Bayrisch Eisenstein, von dort sind es noch 3 km nach Železná Ruda

•Von Melnik aus lässt sich der Weg auf dem tschechischen Elberadweg fortsetzen

•Rückfahrt von Prag nach Hamburg mit dem EC (EuroCity). Hierbei ist zu beachten, dass die Fahrradplätze im Voraus reserviert wer- den müssen.

Ferner Informationsmaterial:

• „Moldau-Radweg“ 1:50.000 von bikeline, Verlag Esterbauer, 3. Auflage von 2014

•Tschechische Radkarte 1:75.000 von Týn nach Mělník (erhalten im Touristenbüro von Týn)

• Reiseführer Südböhmen & Böhmerwald, Michael Müller-Verlag 2011

Jörn Lütjens


Blick auf das Rathaus von Prag

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