01.10.2011 von PETT MAN SÜLM! Redaktion

Blaue Lollis: 77 Jahre Radwegebenutzungspflicht (von Rolf Jungbluth)

Maria fackelt nicht lange, wenn sie einen blauen Lolli sieht

Der hupende Autofahrer ruft es mir durch die halb geöffnete Seitenscheibe zu und sein Zeigefinger piekst nach rechts: "Dort ist der Radweg! Bist du lebensmüde, hier auf der Straße zu fahren?" Stadtväter und -mütter pflastern überall blaue Lollies hin, damit mir bloß nichts passiert, auch wenn es nicht so richtig zu den Verschwenkungen, Wurzelaufbrüchen und Laubhaufen passt, die ich auf dem Radweg vorfinde. Sie gönnen ihrem geliebten Radweg sogar eine dicke Schneedecke für die Winterpause. Immer mehr Radfahrerinnen und Radfahrern kommen Zweifel, ob diese Benutzungspflicht wirklich nur für ihre Sicherheit eingeführt wurde.

Das Reichsverkehrsministerium erließ zum 1. Oktober 1934 die erste Reichs-Straßen-Verkehrs-Ordnung (RStVO) und gab dazu eine Presse-Erklärung heraus, die u. a. lautete: 

Zeigen wir [zur kommenden Olympiade 1936] dem staunenden Ausländer einen neuen Beweis für ein aufstrebendes Deutschland, in dem der Kraftfahrer nicht nur auf den Autobahnen, sondern auf allen Straßen durch den Radfahrer freie, sichere Bahn findet.“

Auf zwanzig Radfahrer kamen damals drei Autofahrer. Die Radfahrwege wurden "Straßen des kleinen Mannes" genannt. Sarkastisch könnte man ergänzen, entsprechend bescheiden wurde die Breite dieser den Fußgängern abgeknapsten Wege. Das Ziel des Gesetzes wurde erreicht, denn bis 1998 gab es wirklich "durch Radfahrer freie Straßen“. Ausländer staunen immer noch, wie unsere Radwege aussehen und dass diese uns noch als sicher verkauft werden. 

Drei Generationen wurde eingebläut, dass sie als Radfahrer nichts auf der Straße zu suchen haben. Lieber hangeln sich - besonders ältere - Radfahrer auf Fußwegen entlang. Unverändert wurde das Gesetz nach dem Kriege übernommen, seit den 50-er-Jahren plötzlich mit neuer Begründung: Sicherheit des Radfahrers, nichts mehr von „Radfahrer freie Straßen“. Dem Zeitgeist entsprechend wäre das Argumuent „Freie Fahrt für freie Bürger“ (Autofahrer) ehrlicher gewesen. 

Maila aus Poppau in der Altmark hat den blauen Lollis den Kampf angesagt. Wenn alle  Radfahrerinnen und Radfahrer ihrem Beispiel folgen, wird der letzte blaue Lolli an seinem 90. Geburtstag feierlich ins Fahrrad-Museum getragen. 

(Rolf Jungbluth) 

 

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