01.03.2015 von Klaus Holst

Besuch in der Fahrradhauptstadt des Nordens

Wer es gewohnt ist, auf schmalen und holperigen Radwegen unterwegs zu sein, der erlebt einen Kulturschock, wenn es ihn mit seinem Fahrrad einmal nach Kopenhagen verschlagen sollte. Kopenhagen teilt sich mit Amsterdam den Ruf als Welthauptstadt des Fahrrades - und das zu Recht!

Was da an Radwegen zu sehen ist, ist beeindruckend: Pro Richtung je ein Radweg in Überbreite, die Wegeoberfläche glatter Asphalt, keine der bei uns so verbreiteten Betonpflastersteine und keinerlei Kantsteine an den Einmündungen - wozu auch? Sogar die Ampeln sind streckenweise so für den Radverkehr geschaltet, dass man bei einem Tempo von ca. 20 km/h auf der Grünen Welle fährt.

In Kopenhagen gilt nicht das Motto „Radfahrer gehören auf die Straße“, sondern sie haben ihre eigenen, breiten Hochbordradwege. Der Vorteil: Kraftfahrzeuge können nicht mal eben auf den Radweg ausweichen oder gar dort parken (oder nur erschwert), wie es bei uns auf Fahrradspuren immer wieder vorkommt.

Die von Nordwesten zur Stadtmitte führende Nörrebrogade ist die richtige Einstimmung auf das Radfahren in Kopenhagen. Ich mische mich unter die vorbeigleitenden Radfahrer und fühle mich an das Fahren mit einer großen ADFC-Radtourengruppe erinnert: Vor, neben, hinter mir Radfahrer; ich werde aufgenommen in den gleichmäßig dahinfließenden Strom, passe mein Tempo an. Überholen wäre sinnlos, oft auch gar nicht möglich.

Irgendwann eine kurze “Langsamfahrstelle“ wegen einer Ampel, dann geht es weiter. Neue Radler kommen hinzu, andere biegen ab, die Vorausfrauen und die Nebenmänner wechseln. Um an der Dronning Louises Bro den morgendlichen Fahrradstau zu erleben, komme ich allerdings gerade etwas zu spät, doch die schiere Masse der Fahrräder ist immer noch eindrucksvoll.

Ich fahre bis zur Knippelsbro, das ist die Brücke, die von der City in den Stadtteil Christianshavn hinüberführt. Diese Brücke wird täglich von 40.700 Radlern überquert (Zahl von 2012), das entspricht schon dem Wert einer stark frequentierten, vierspurigen (Auto-)Ausfallstraße. Von Christianshavn aus suche ich den Weg zurück in die Stadtmitte. Dort schere ich schließlich aus dem Fahrradstrom aus und suche mir eine Abstellmöglichkeit für mein Rad.

Zwar wird über die mangelnden Parkmöglichkeiten geklagt, die vor vor allem an den Bahnhöfen herrschen. Doch in der Innenstadt ist unschwer ein akzeptabler Parkplatz zu finden, denn überall gibt es Reihen von Fahrradständern, die man auf Kosten von Autoparkplätzen angelegt hat. Dort, wo bis vor einigen Jahren jeweils ein einziges Auto Platz hatte, können nun zehn Fahrräder abgestellt werden.

Alle Kopenhagener zusammen fahren täglich 1,27 Millionen Kilometer Rad, das entspricht einer Strecke, die 30 mal um die Welt reichen würde, - und das täglich! Auf der Website „copenhagenize.com“ ist jeweils der augenblickliche Kilometer-Tagesstand abzulesen. Die 1.000.000-Kilometermarke wird meist gegen 18.00 Uhr erreicht, und das jeden Tag wieder neu: 1 Million Kilometer!

Eine Umfrage nach den Gründen für die Fahrradnutzung hat Folgendes ergeben: 56 % der Befragten nehmen das Fahrrad, weil sie damit in der Stadt am schnellsten vorankommen, 37 % halten es für bequem und praktisch, für 29 % ist die preisgünstige Fortbewegung wichtig, 26 % wollen etwas für ihre Gesundheit tun und nur für 5 % spielt das Umweltbewusstsein eine Rolle. Daneben haben 28 % aller Familien mit zwei Kindern ein Lastenfahrrad, das als Kindertransporter und zum Großeinkauf dient.

Auch Handwerker, Paketverteildienste und Kleinhändler sind mit Lastenrädern unterwegs. Und noch eine andere Zahl ist interessant: Die Kostenersparnis für die Gesellschaft durch jeden vermiedenen Auto-Kilometer wird mit umgerechnet ca. 0,20 EUR angesetzt, bedingt durch geringere CO2-Emissionen und deren Folgen, geringere Luftverschmutzung, weniger krank machende Lärmbelästigung, weniger Arztkosten durch eine insgesamt bessere Gesundheit der Bevölkerung, dadurch auch weniger Fehlzeiten am Arbeitsplatz, geringere Ausgaben für den Straßen- und Parkplatzbau usw.

Vierzig Jahre, viele Ideen und zäher Durchhaltewillen waren erforderlich, um aus einer von Autos verstopften Stadt eine Fahrradstadt zu machen. Wie in anderen europäischen Großstädten war auch in Kopenhagen der Tiefpunkt der Fahrradnutzung in den 70er Jahren erreicht. Damals setzten visionäre Stadtväter und -mütter rechtzeitig darauf, das Auto zurückzudrängen und das Radfahren zu fördern.

Da Kopenhagen bis vor wenigen Jahren keine U-Bahn hatte und in Dänemark mangels eigener Autoproduktion eine übermächtige Autolobby fehlt, wurde die Förderung des Radverkehrs von politischer und gesellschaftlicher Seite positiv begleitet. So ist heute Kopenhagen neben Amsterdam die Fahrradhauptstadt der Welt. „copenhagenize“ ist zum Begriff in der Fahrradwelt geworden und bedeutet, „es so zu machen, wie in Kopenhagen“, und das heißt: Großzügiger Ausbau der Radwege, fahrradgerechte Ampelschaltungen, Anlage von Radschnellwegen („Cyclesuperstien“), Ausbau von Fahrradparkplätzen und -parkhäusern, bessere Möglichkeiten der Fahrradmitnahme in öffentlichen Verkehrsmitteln ...

Diese Forderungen sind nicht neu, der ADFC setzt sich dafür schon lange ein. Das Besondere aber ist, dass diese Ideen in Kopenhagen schon an vielen Stellen verwirklicht worden sind und ständig weiter vervollkommnet werden. Denn auch die Pläne für die Zukunft sind faszinierend: Die Anzahl der Fahrrad-Pendler soll auf 50 % anwachsen, die durchschnittliche Fahrzeit pro Weg soll sich um 15 % verkürzen und die Anzahl der Radler, die mit der Qualität der Radwege zufrieden sind, soll auf 80 % steigen.

Da möchte man unsere Politiker aller Couleur und Verwaltungsebenen einmal nach Kopenhagen schicken, damit sie sehen: Es gibt ein Rezept gegen Lärmbelästigung, Luftverschmutzung, übermäßigem CO2-Ausstoß, Ressourcenverschwendung und autobedingtem Dauerstau. Dieses Rezept heißt: großzügiger Ausbau der Fahrradinfrastruktur! Die Vorteile liegen auf der Hand (siehe oben). Die dadurch erlangte höhere Lebensqualität für die Stadtbewoh- ner kommt allen zugute, Autofahrern und Nicht-Autofahrern! Kopenhagen macht es vor!

Näheres im Internet unter:

www.kk.dk/cityofcyclists

www.copenhagenize.com

www.cykling-embassy.org

www.visitdenmark.com

 

Text / Fotos: kh 

Keinerlei Kantsteine bei Einmündungen

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