01.03.2010 von Frank Spatzier

Auf Wintertour – oder gut gerutscht ist halb gereist

Der Dauerwinter hat den Norden fest im Griff. Oder besser im Würgegriff, denn bereits seit Wochen diktieren Eis und Schnee die Verkehrsverhältnisse. Besonders Radfahrer haben zu leiden, denn auf glatten Wegen ist das Vorwärtskommen nicht nur gefährlich, sondern auch mühselig. Viel Spaß kommt dabei selten auf, und nicht wenige verordnen ihren Rädern einen mehrwöchigen Winterschlaf. Doch wenn schon die tägliche Fahrt durch die Stadt kein Vergnügen ist, wie sieht es dann mit einer Radreise aus? Lässt sich mit Reiserad, Zelt und Schlafsack den Elementen trotzen? Um das herauszufinden, schwinge ich mich im winterlichen Lübeck aufs bepackte Rad und kurbele los in Richtung Lauenburgische Seenplatte. Erstes Ziel: ein ganzjährig geöffneter Campingplatz in Witzeeze. Dass ich ihn nicht erreichen werde, weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Ein erster Dämpfer
Es kostet mich viel Zeit, das Lübecker Stadtgebiet zu verlassen. Es ist Ende Februar und in den letzten Tagen hat es getaut. Wo bisher noch eine feste Schneedecke lag, versinken die Laufräder nun in knöcheltiefem Matsch. Das Hinterrad bricht beharrlich zur Seite aus und Schritttempo ist angesagt. So komme ich nie ans Ziel. Also wechsele ich auf die saubere Fahrbahn und kann wieder kräftig in die Pedale treten. Es dauert keine Minute, bis es hinter mir böse hupt. Selbst jetzt, nach vielen Wochen Dauerwinter, beharren einige Autofahrer noch auf ihrem vermeintlichen Recht, die Fahrbahn alleine zu nutzen. Ich winke dem guten Mann einen netten Gruß hinterher.

Der Radweg entlang der Ratzeburger Allee / B207 ist vorbildlich geräumt. Hier kann ich Kilometer machen. Allerdings bremsen kleinere Flächen Schneematsch immer wieder die Fahrt. Doch damit lässt sich leben. Auch in Groß Grö-nau sorgen die Verhältnisse noch für zaghaften Optimismus, was sich am Ortsausgang jedoch rapide ändert. Da nur wichtige innerörtliche Radwege geräumt werden, beherrscht wieder grauer Matsch meine Spur - und zwar durchgehend. Ich habe keine Lust, mich in den Verkehr der stark befahrenen Bundesstraße zu stürzen. Also wird es Zeit für Plan B, denn auf kleineren Landstraßen dürfte ich besser vorankommen. Allerdings wird die Strecke auch länger.

Kampf durch das Hinterland
Bei Tüschenbeck verlasse ich die B207 und radele ins Umland des Ratzeburger Sees, das nicht arm an beachtlichen Hügeln ist. Hier begegne ich meinem ersten von vielen Anstiegen und arbeite mich den Nebenweg hinauf - wie so oft bei kräftigem Gegenwind. Dabei pflügen die Laufräder immer wieder durch den Schneematsch, denn auf dieser abgelegenen Stra-ße gibt es nur eingeschränkten Winterdienst. Um voranzukommen, muss ich mich in der halbwegs sauberen Spur halten, die vom Kfz-Verkehr in den Schnee gedrückt wurde. Was manchmal ein Balanceakt ist, denn viel mehr als die Breite von Autoreifen bleibt mir nicht.

So arbeite ich mich mühsam voran. Schnell merke ich, dass die Auswahl benutzbarer Landstraßen beschränkt ist. Nur die stärker befahrenen sind frei von Schnee, die übrigen mehr oder weniger unpassierbar - jedenfalls für ein beladenes Reiserad. Das alles zwingt mich zu ungeplanten Umwegen. Nachdem ich mehrere Stunden gebraucht habe, um überhaupt in die Nähe Ratzeburgs zu kommen, dämmert mir langsam, dass ich mein Ziel wohl heute nicht mehr erreichen werde. Zumindest nicht bei Tageslicht. 

Mühen mit dem Schlafplatz
Das ändert natürlich vieles. Ganzjährig geöffnete Campingplätze gibt es nur wenige, und Wildcampen scheidet nicht zuletzt wegen dichtgeschneiter Waldwege aus. Pension und Jugendherberge sind für einen eingefleischten Zelter ebenfalls keine Alternativen. Also greife ich zum Telefon und rufe Bekannte an, die in Mölln leben und dort einen Schrebergarten besitzen. Schnell ist alles geklärt, und am späten Nachmittag baue ich mein Zelt im tiefen Schnee ihrer Parzelle auf. 

Auch das ist keine leichte Arbeit, besonders die Heringe lassen sich nur schwer im tief zugeschneiten Boden verankern. Drinnen liegt es sich zwar ein wenig uneben, doch im Schlafsack ist es gemütlich und warm. Ein gutes Buch, ein leckeres Feierabendbier - und schnell schlummere ich dem nächsten Tag entgegen.

In der Nacht sind die Temperaturen gefallen. Auch im Zelt herrschen frostige -2 Grad, was nicht gerade zum Aufstehen motiviert. Der Zeltabbau nimmt nun mehr Zeit in Anspruch, als üblich. Durch die Kälte ist der angetaute Schnee gefroren und fest verharscht, so dass ich staksig umher stolpere und für jeden Handgriff die doppelte Zeit benötige.

Kapitulation oder Teilsieg?
Auch das Radeln ist auf dem gefrorenen Schneematsch kein Vergnügen. Was gestern nur bremste, gerät heute gern zur gefährlichen Rutschpartie. Über Schmilau fahre ich nach Ratzeburg, dann weiter über Bäk auf die Ostseite des Ratzeburger Sees. So kann ich ihn wenigstens einmal umrunden. Auf der Landstraße nach Utecht habe ich mich mittlerweile daran gewöhnt, fast im Minutentakt vom Schnee ausgebremst zu werden. Zum Glück ist Wochenende und nur wenig Verkehr.

Habe ich nun kapituliert oder doch dem Winter getrotzt? Von meiner geplanten Route ist nur wenig übrig geblieben, denn mit so hartnäckigen Behinderungen hatte ich nicht gerechnet. Mir wird klar, dass eine Radreise im harten Winter anderen Gesetzen folgt. Denn wenn der jeweilige Zustand der Straßen Route und Tempo bestimmt, gibt es keine Gewissheiten mehr. Außer eben jener, dass man viel Zeit, Geduld und Nerven braucht.

Um den Winter nicht komplett siegen zu lassen, radele ich nicht gleich nach Hause, sondern übernachte - diesmal im eigenen Schrebergarten - in Lübeck. Im Zelt und aus Trotz. So kommt diese Wintertour zumindest vom Gefühl in die Nähe einer kleinen Radreise...

(fs)

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