08.10.2013 von Frank Spatzier

Auf Entdeckungsreise im ehemaligen Ostpreussen und Memelland

Ostpreussen und das Memelland - wie in kaum einer anderen europäischen Region ist dort die jüngere Geschichte allgegenwärtig. Und damit auch besondere Emotionen bei vielen Menschen, die diese Geschichte erlebt haben. Früher so etwas wie die Keimzelle urdeutscher Traditionen, erfolgte nach dem Zweiten Weltkrieg ein fast vollständiger Bevölkerungsaustausch. Flucht und Vertreibung aus der Heimat waren für viele Ostpreussen traumatisierende Erlebnisse. 

Heute verteilt sich das ehemalige Ostpreussen auf die Länder Polen, Russland (Kaliningrader Gebiet) und Litauen. Jedes davon hat seinen eigenen Charakter, wobei sich das frühere Zentrum Königsberg als rundum russische Stadt präsentiert. Eine Region, die ihre vielen Reize vor allem dem Radreisenden zeigt - denn nur so hat man Ruhe und Muße, die vielfältigen Eindrücke aufnehmen und verarbeiten zu können.


Polen - mal hässlich, mal schön

In Danzig hört es endlich auf zu regnen, sogar die Sonne kommt raus. Wir sind mit dem Zug aus Szczecin gekommen, wo es noch Hunde und Katzen geregnet hat. Eine kleine obligatorische Stadtbesichtigung, danach machen wir es uns auf dem Balkon unseres Appartments bequem. Am nächsten Tag soll es losgehen in das ehemalige Ostpreussen, unser erstes Ziel: Malbork, das frühere Marienburg.

Aus Danzig herauszukommen ist nicht leicht. An einem Straßenneubau endet der Radweg  an der Leitplanke eines Autobahnzubringers. Wir hieven die vollgepackten Räder kurzerhand darüber. Malbork (Marienburg) ist über gemütliche Landsträßchen schnell erreicht. Es liegt auf der östlichen Seite des Nogat und damit im Gebiet des alten Ostpreussen. Das Städtchen hat außer seiner imposanten Burg wenig zu bieten. Der größte Backsteinbau der Erde ist umgeben von Plattenbauten und einer gesichtslosen Innenstadt. 

Die nächste Etappe nach Frombork (Frauenburg) wird schnell zur Herausforderung. Unsere Landkarte ist fehlerhaft. Und so endet der Versuch, die stark befahrene Überlandstrasse zu vermeiden, in der Pampa. Also wieder umdrehen, rauf auf die mörderische 22 und die Zähne zusammenbeißen. Um dem Roadkill zu entgehen, verlassen wir das Asphaltband schnellstmöglich. In Elblag (Elbing) gibt es eine vegane Pizza zur Stärkung, denn anschließend geht es bergauf in die Elbinger Höhe. Dort wäscht uns ein Wolkenbruch den Schweiß von den Stirnen, bevor wir ins Städtchen Frombork (Frauenburg) rollen.

Frombork ist eine Perle. Die mächtige Domburg thront auf ihrem Hügel über der gemütlichen Stadt, die direkt am Frischen Haff liegt. Weniger idyllisch ging es im Winter 1945 zu. Damals starteten von der Mole aus die Flüchtlingstrecks über das zugefrorene Haff. Ein kleiner Gedenkstein erinnert an die Flucht, die Tausenden das Leben kostete.    

 

Auf Spurensuche im Kaliningrader Gebiet

Die Formalitäten am Grenzübergang Gronowo (Grunau) dauern keine Viertelstunde. Danach rollen wir über russischen Boden, und zwar auf einer gut ausgebauten Landstraße. Bei schönstem Wetter geht es über Mamonovo (Heiligenbeil), Laduskin (Ludwigsort) und Usakovo (Brandenburg) nach Kaliningrad (Königsberg). Ab und an erinnern Kirchen- und andere Ruinen an das alte Ostpreussen. Kaliningrad empfängt uns mit starkem Verkehr und maroden Straßen. Radfahren ist hier nicht nur anstrengend, sondern auch gefährlich. Wir schieben lieber bis zu unserem Hotel.

Drei Tage nehmen wir uns Zeit für ausführliche Besichtigungen. Wir machen uns gezielt auf Spurensuche nach Überbleibseln aus ostpreussischer Zeit. Und davon gibt es einige. Wie Fremdkörper tauchen sie zwischen rostigen Plattenbauten und schmucklosen Industrieanlagen auf. Dabei ist Kaliningrad insgesamt keine hässliche Stadt - nur eben eine russische, die nichts mehr mit dem alten Königsberg gemein hat. 

Eine mörderische Etappe führt uns anschließend ins Seeband Svetlogorsk (Rauschen). Die enge Landstraße ist in beiden Richtungen stark befahren. Und da russische Autofahrer beim Überholen von Radfahrern weder Sicherheitsabstände einhalten noch das Tempo reduzieren, kriegen wir von der Schönheit des Samlandes kaum etwas mit. Um zu überleben, muss unsere ganze Aufmerksamkeit dem Verkehr gelten. 

Dafür entschädigt uns Svetlogorsk mit seinem wunderschönen Strand an der Steilküste und bestem Sommerwetter. Auch die gartenähnlich angelegte Stadt mit ihren verwunschenen Villen begeistert - sieht man einmal davon ab, dass darin überwiegend russischer Geldadel logiert.

Letzte Station auf russischem Gebiet ist Rybatschij (Rossitten), das auf der Kurischen Nehrung liegt. Die Fahrt über die urige Nehrungsstraße ist ein Genuss. Immer wieder halten wir an und machen Abstecher an die Ostsee. In Rybatschij besuchen wir Müllers Höhe, eine Düne mit schwindelerregendem Aussichtsturm. Das Dorf selbst hat die Zeiten fast unverändert überdauert. Sogar Schule und Kirche stehen noch.

 

Mit Herrmann Sudermann durch das Memeldelta 

Nida (Nidden) ist so schön, dass wir gleich fünf Tage bleiben - in einer netten Pension mit Balkon zum Haff. Von dort aus unternehmen wir einige Ausflüge nach Klaipėda (Memel). Überhaupt ist der litauische Teil der Kurischen Nehrung ein Eldorado für Radfahrer. Der gut ausgebaute Radweg R10 hält stets gebührenden Abstand zur KFZ-Straße und führt durch Wälder und Dünengebiete - herrlich. 

Mit dem Boot setzen wir schließlich über das Haff nach Šilutė (Heydekrug) über. Die Kleinstadt besitzt noch viele Gebäude aus alter Zeit, auch der alte Marktplatz und ein großer Teil seiner Originalbebauung sind erhalten. In der Nähe von Heydekrug wurde der Schriftsteller Herrmann Sudermann geboren, der in seinen Litauischen Geschichten das Leben der Menschen aus der Region festhielt. Und so folgen wir Jons und Erdme ins Rupkalwer Moor zur ehemaligen Kolonie Bismarck, zum Haus des Moorvogts und blicken von der Brücke über die Flutwiesen. 

Von dort aus ist nicht mehr weit bis ans Ende der Welt. Und dieses liegt auf der Rusnė-Halbinsel, die von den beiden Hauptarmen des Memeldeltas gebildet. Hier bestimmen außer ein paar winzigen Weilern nur ausgedehnte Flutwiesen das Bild. Die Landschaft ist weitgehend naturbelassen, nur hie und da betreibt man Landwirtschaft. Das eigentliche Ende der Welt liegt am Skirwieth-Strom. Hier geht es nicht mehr weiter, und auf der anderen Seite des Wassers liegt Russland. Nichts ist los, kein Autoverkehr oder ähnlicher Unbill stört das Idyll, und außer uns haben nur noch die Stechmücken Durst. Ein Ort für die Ewigkeit.    

 

Einen ausführlichen Bericht zu dieser Radreise finden Sie unter www.spatzier.net/radreise_ostpreussen_1.html


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